Etappe 24 – Wir lernen Laura kennen

In der Region von Gais
heissen Ziegen Geissen.

13. Oktober, 13.30 Uhr: Ihre Lieblingsplätze zeigt uns Laura heute. Nicht am Start unserer Tour in Trogen. Erst nach dem Höhepunkt auf dem Gäbris, erst nach dem Mittagessen. So ergehen wir zwei Höhepunkte unter kundiger Führung einer Frau, die aus dem Kanton Appenzell Ausserrhoden stammt, und einem Sherpa, der lange Zeit am Bodensee lebte.

13. Oktober, 10.00 Uhr: Silvia und Urban treffen in Trogen ein. Mein Bruder und dessen Partnerin wandern mit uns. Urban trägt freundlicherweise Rosmaries Rucksack, er ist ein bewährter Sherpa. Silvia kennt Ausserrhoden seit ihrer Kindheit. Sie ist in Urnäsch aufgewachsen, im Hinterland des Kantons, wie sie mir erklärt. Die anderen zwei Regionen werden Mittelland und Vorderland genannt. Gestern seien wir im Vorderland gewandert, heute befinden wir uns im Mittelland. Ich lerne täglich Neues. Es muss ein grösserer (Halb-)Kanton sein! Mir ist Innerrhoden eher vertraut.

Jetzt hat Silvia ein Heimspiel – und Laura. Sie bringen etwas Sonne und weite Aussichten mit. Mein jüngerer Bruder schlägt ab Trogen ein Tempo an, dem ich nicht folgen kann. Beim Kinderdorf muss er auf mich warten. Bis zum Gipfel des Gäbris auf 1250 m brauchen wir trotz meines schweren Rucksacks weniger Zeit, als der Wegweiser unten angab. Kühe auf den Weiden vergessen vor lauter Staunen über die vier Tourist:innen ihr Kuhglockengeläute. Das Bergpanorama oben ist grossartig. Von links nach rechts sehen wir …. aber kommen Sie selber einmal hierher. Dann werden Sie neben Gipfel neben Gipfel auch Laura kennenlernen.

Laura ist eine Geiss. Eine Geiss aus Gais. „Gais naturgemacht“, wie ein Slogan haisst in Gais. Vom Gäbris steigen wir nach dem Mittagessen nicht auf direktem Weg ins Dorf hinunter. Silvia und Urban zeigen uns einige Lieblingsplätze. Von wem genau? Am idyllischen Gäbrisseeli in der Moorlandschaft reden wir mit einer zutraulichen Ente. Ob sie einen Vornamen hat, ist nicht bekannt. Nach einem weiteren Aufstieg in der Appenzeller Hügellandschaft auf den Sommersberg, dem zweiten Höhepunkt auf 1172 m, wandern wir über den Geissensteig, einem Trainingsparcours für Junggeissen, abwärts. Mancherorts stehen Bänkli zum Ausruhen und Hügel-Berge-Wälder-Schauen. Jedes Bänkli besteht in der Rückenlehne aus einem Paar Gaissen.

13. Oktober, 12.00 Uhr: In der Beiz auf dem Gäbris zückt mein Bruder beim Warten aufs Essen sein Smartphone und beginnt Bilder zu zeigen. Es sind keine Fotos von Bergspitzen. Er zeigt mir Schwarz-Weiss-Bilder von kleinen Kindern. Bilder, die vor mehr als 60 Jahren geknipst wurden. Ich erkenne … mich selber. Klein-Markus steht da, in kurzen Hosen mit modernem Käppi auf dem Kopf. Daneben Urban. Daneben unsere junge Mutter. Ein anderes Foto zeigt Urban und mich in Rieden SG mit Onkel Toni, der uns Most einschenkt. Auf dem Gäbris sehe ich den sechsjährigen Buben, der unterdessen schon etwas länger jung ist. Grüsse gehen zurück in die Kindheit! Rosmarie und ich gehen morgen, sofern es das Regenwetter (?) zulässt, ohne Sherpa ins Innerrhodische nach Brülisau. Über den Fähnerenspitz. Den Hohen Kasten schenken wir uns nach dem Chastenloch gestern.

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Etappe 23 – Dichter Nebel erzählt und erzählt

Einsicht ist noch wichtiger
als Aussicht

12. Oktober, 10.00 Uhr: Dichter Nebel begrüsst uns in Walzenhausen. Er lädt uns sogleich zu einer Dichterlesung ein. Befinden wir uns schon auf der Kulturspur Appenzellerland? Im Chastenloch sollte sie eigentlich für uns beginnen. Der Dichter liest, indem er eine Idee von Willy Bieger aufgreift:

Bodensee

Du blaust mir in die Seele / von früher Kindheit an
soweit zurück ich zähle / noch eh ich Texte sann

Es gibt so viele Arten / an Lebenslust und Weh
trag bei mir Wanderkarten / rings um den Bodensee

Was nützen heute Wanderkarten? Dichter Nebel hat gut reden. Wir hingegen sehen fast nichts, bloss knapp die Hände vor unseren Augen. Zum Glück fährt das Postauto weiter bis Heiden. Eigentlich wollten wir heute ab Walzenhausen auf einem coupierten Höhenweg über dem Bodensee via Heiden nach Trogen wandern. Er wird als Nummer 3 bezeichnet, als Alpenpanoramaweg. In Heiden, dem Biedermeierdorf hoch über dem See, trinken wir Kaffee. Der Bergführer diskutiert Varianten mit seiner Gästin. Ab hier wandern? Über den Kaien via Rehetobel nach Trogen? Wir kennen den Weg von früher. So beschliesst der Bergführer, noch ein Stück Füsse schonend Postauto zu fahren. Versprochen: nur bis Rehetobel! Die Gästin ist mit jeder Entscheidung des Wanderleiters einverstanden. Sie kennt die Regeln.

12. Oktober, 11.20 Uhr: Welch Wunder: in Rehetobel scheint die Sonne vom blauen Himmel. Rucksäcke auf und los geht es.

12. Oktober, 11.25 Uhr: Dichter Nebel – du schon wieder?! – holt uns nach wenigen Schritten hinunter Richtung Lobenschwendi ein. Immerhin lässt er jetzt unaufhörlich Kuhglocken erklingen. Die meisten Kühe zeigen sich nur konturenhaft, eine poetische Landschaft in Appenzell Ausserrhoden. Auf einem Bänkli am Weg lese ich den Spruch: „Die Einsicht ist noch wichtiger als die Aussicht“. Recht hat er. Dichter Nebel kennt seine Pappenheimer:innen. Ein sehr steiler Abstieg lässt unser Niveau rasch sinken. Bald hören wir Wasser rauschen. Im Chastenloch erwartet uns eine Überraschung: der Wildbach, der übermütig zu Tale schiesst, heisst Goldach, Gold-Ach. Der Beizer, bei dem wir einkehren, erzählt, dass er den ganzen Bach von der Quelle weiter oben bis zur Mündung in den Bodensee bei Goldach vor Jahren zu Fuss begangen habe, im Wasser! Die Goldacherin aus Bern staunt. Der Goldach entlang gehen, das wäre eine Herausforderung. Im Chastenloch wirkt die Ach wirklich noch als Bergbach. Unser Weg – jetzt als Alpenpanoramaweg UND Kulturspur Appenzellerland beschriftet – führt nun steil bergwärts hinauf nach Trogen zum historischen Hauptort von Appenzell Ausserrhoden. Der leere Landsgemeindeplatz empfängt uns still. Das letzte Mal fand an diesem Ort die traditionelle Versammlung 1996 statt. Wir befinden uns 904 m über Meer. Von der Sonne ist nichts zu sehen. Dichter Nebel regiert. Er erzählt und erzählt seine Geschichten. Ob wir morgen auf dem Gäbris, 1250 m hoch, der Sonne richtig begegnen werden?

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Etappe 22 – Zu unseren Füssen liegt der See

DEN Weg gibt es nicht.
MEIN Weg entsteht durch Gehen.

11. Oktober, 10.00 Uhr: Die Wanderkarte der Region Pfänder ist keine Hilfe. Sie zeigt diverse Möglichkeiten, wie wir auf den Pfänder gelangen. Steile und gemächlichere, direkte und indirekte. Eine klassische Route gibt es nicht. Die meisten Tourist:innen steigen wohl in die Seilbahn, um die Höhendifferenz von rund 660 Metern zu überwinden. Wir entscheiden uns „historisch“. Gebhard ist der Grund. Darum führt unser Weg via Gebhardsberg hinauf auf den Berg. Unten in der Stadt, in der Kirchgasse, begegnen wir dem Bregenzer Seebrünzler, einer Kunstfigur von 2003. Er ermahnt Einheimische wie Auswärtige, die Notdurft nicht direkt in den See zu entleeren. Der Wanderweg zur Stadt hinaus Richtung Wald und Gebhardsberg ist zusätzlich als „Meditationsweg“ gekennzeichnet. Das interessiert weder Kinder des Waldkindergartens noch Jugendliche auf ihrer Wanderung zur Stadt, denen wir unterwegs begegnen. Wir grüssen einander gegenseitig freundlich. Und atmen gute Luft.

Das Restaurant auf dem Gebhardsberg erreichen wir nach einer Stunde. Den Durst löschen wir jedoch aus der Wasserflasche im Rucksack. Denn das Restaurant ist geschlossen. Nicht wegen Ferien oder Konkurs. Nein, ganz einfach: „Dienstag ist Ruhetag“. Wir ruhen am Dienstag nicht, sondern werfen einen kurzen Blick in die Gebhardskirche. Sie wurde 1723 erbaut als Wallfahrtskirche zu Gebhard neben der Ruine der hochmittelalterlichen Burg Hohenbregenz. Welch Aus- und Übersicht! Hier auf 598 m über Meer sehen wir das Rheintal, den Falknis, den Alpstein mit Schnee auf den Gipfeln und unzählige uns unbekannte Berge. Sowie direkt unter uns die lärmige Autobahn, die aus dem oder in den Pfändertunnel führt. Fertig ist es mit der Meditations-Stimmung im herbstlichen Wald. Zu unserer Freude drückt jedoch die Sonne durch. Und die ruhige Stimmung kommt zurück auf dem Bergweg, der abschnittsweise weiss-rot-weiss statt gelb-weiss „angeschrieben“ ist. Noch zwei Stunden Aufstieg, meldet der Wegweiser. Manche Leute kommen uns entgegen, für uns überraschend viele. Wir hören unterschiedliche Grussformeln: Hallo! Servus! Grüss Gott! Guten Tag! Das Grüezi! fehlt, wir befinden uns in Vorarlberg.

13.00 Uhr: Zu unseren Füssen liegt der Bodensee! Nach drei Stunden Aufstieg stehen wir auf der obersten Plattform der Pfänderbahn-Bergstation. Hier ein Selfie, dort ein Selfie. Ein österreichischer Tourist, der mit seiner Frau ebenfalls erstmals auf dem Pfänder steht, fotografiert uns mit Rosmaries Kamera. Und Grüsse gehen raus – nach Goldach und Arbon, nach Lindau und zum Zeppelin in der Luft vor uns, nach Walzenhausen hinüber, wo wir morgen Richtung Trogen starten wollen, auf den Säntis hinauf, dessen Besteigung von der Bollenwees her am Samstag wohl wegen des Wetterwechsels ausfallen wird. Nochmals winke ich nach Arbon, Start- und Zielort der Bodensee-Umwanderung.

13.50 Uhr: Der Abstieg beginnt. Zu Fuss. Keine Chance für die Seilbahn. Es geht gleich steil abwärts. Rosmarie macht Tempo. Ein Downhill-Rennen auf dem Bike oder ein Super-Ski-Lauf ist ein Klacks dagegen. In einer Stunde sind wir bereits unten bei der Talstation der Pfänder-Bahn. Der Abstieg war wild romantisch, der Weg entstand im Gehen. Wir danken den Bergschuhen. Was noch fehlt: dass unsere Füsse im See liegen.

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Etappe 21 – Bregenz, das Mehr am See

Zu Fuss kann man besser schauen. (Paul Klee)

10. Oktober, 11.00 Uhr: Ganz im Osten des Bodensees, in Bregenz, starten wir zu Teil III unseres Wanderns um den See. Die Stadt liegt auf 398 m über Meer und zählt rund 30‘000 Einwohner:innen. Menschen aus 97 Nationen wohnen hier, dazu 300 Lachmöven. 7 Millionen Liter Trinkwasser stammen pro Jahr aus dem Mehrerauer Wald. Wald macht 20 Prozent der Fläche von Bregenz aus. Von der Uferpromenade am See ist das Westufer nicht zu sehen, die Erdkrümmung von 41 Metern lässt es nicht zu. Dafür blicken wir zum Pfänder hinauf, den wir morgen besteigen wollen.

Als erste Handlung deponieren wir die schweren Rucksäcke im Hotel. Mit kleinem Rucksack steuern wir die Touristeninformation an und holen einen Stadtplan. Auf Spuren der Stadtgeschichte starten wir einen gemütlichen Spaziergang. Wir gehen auf der Maurachgasse in die Oberstadt hinauf. Der Martinsturm, das Wahrzeichen von Bregenz, lässt uns ein erstes Mal staunen, er wurde 1601 erbaut und gilt als erster Barockbau am Bodensee. Seine Kuppel ist die grösste Turmzwiebel Mitteleuropas. Am Ehre-Guta-Platz lesen wir von Guta aus dem 15. Jahrhundert. Die Sage erzählt, dass sie 1406 durch Spionage von einem bevorstehenden Angriff der Appenzeller erfuhr und die Stadt schnell hoch zu Pferd warnte! Die Nachtwächter riefen fortan im Winter abends um 9 Uhr „Ehreguta!“ zu ihrem Andenken. Das Gefangenenhaus neben dem Platz erzählt eine traurige Geschichte: hier wurden im Zweiten Weltkrieg Juden und Jüdinnen gefangen gehalten, bevor sie in ein Konzentrationslager kamen und dort getötet wurden. An mittelalterlichen Mauern führt unser Weg vorbei am Alten Rathaus, erbaut 1662 als grösster Fachwerkbau der Stadt, und am Deuring Schlössle, ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert. Durch kopfsteingepflasterte Gassen auf der Meissnerstiege spazieren wir hinab und über den Thalbach zur Altstadt hinaus. Das Kloster Thalbach und die Stadtpfarrkirche St. Gallus auf dem Hügel nebenan sind unsere nächsten Stationen, verbunden durch die Ernst-Volkmann-Stiege. Oben angekommen, sehen wir auf den Bodensee und zum gegenüberliegenden markanten Eckturm des Deuring Schlössles. Wir besichtigen die Gallus-Kirche, erbaut 1097. Von ihr erzähle ich mehr in der Rubrik Orte unter Bregenz. Die Kirchstrasse mit kleinen Läden und Cafés, selbstverständlich geniessen wir zum Kaffee ein süsses Stuck Kuchen, bildet die letzte Etappe auf dem Rückweg zum Leutbühel. Zu Fuss kann man besser schauen – zwei kleine „Dinge“ fallen uns an der Kirchstrasse noch auf: eine Statue von Bischof Gebhard II. (siehe unter Konstanz und Bregenz in der Rubrik Orte) sowie das schmalste Haus Europas – seine „Breite“: 57 cm. Verdanken wir es Guta, dass die Oberstadt, in der fast jedes Haus ein Fotomotiv darstellt, als Ort der Ruhe erhalten blieb und nicht von mittelalterlichen Horden geschliffen wurde? Das ist allemal einen Platz und einen nach ihr benannten Brunnen wert. Schliesslich entwickelte sich die Oberstadt mehr und mehr zu einem Kleinod nicht nur für Einheimische, sondern auch für Tourist:innen, die an Geschichte interessiert sind. Ein Juwel, das wir bisher nicht kannten! Wir mussten mit den Füssen schauen gehen.

In der Nähe unseres Hotels befindet sich das Zisterzienserkloster Wettingen-Mehrerau. Was es mit Wettingen im Kanton Aargau zu tun hat, lesen Sie unter Orte nach den Texten zu Bregenz und Pfänder. Das Kloster liegt am Fahrradweg um den Bodensee. Bei unserer letzten Velotour sausten wir Kulturbanausen an ihm vorbei. Heute holen wir Verpasstes nach. Der Innenraum der Klosterkirche wirkt modern, einfach, ansprechend. Von der Abtei Mehrerau habe ich schon viel gehört, nur eine rasche Besichtigung der riesigen Anlage ist heute nicht möglich. Immerhin informiert mich ein Klosterführer ausführlich.

Dem Seeufer entlang kehren wir zum Hotel zurück. Ein angenehmer Herbsttag geht langsam zu Ende, er zeigte uns Bregenz aus ganz neuer Perspektive und offenbarte tatsächlich ein Mehr am See. So spielt es keine Rolle, dass die Bregenzer Festspiele vorbei sind und das KUB, das Kunsthaus Bregenz, am Montag geschlossen ist.

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