Selbst wenn die Knie ein wenig schmerzen,
gehen die Füsse weiter.
17. Oktober, 07.45 Uhr: Frühstück auf dem Säntis auf 2502 m ü. M.! Dieses Angebot macht uns das Hotel auf der Schwägalp. Wir nehmen es gerne an, so komme ich trotzdem noch auf den Säntis, einfach mit einem Tag Verspätung. Und mit der ersten Seilbahn ab 7.30 Uhr. Das Morgenessen ist Nebensache. Hauptsache für mich ist die grossartige Rundsicht auf dem Gipfel. Ein Föntag beginnt, alle Berge sind zum Greifen nah. Wir kommen kaum nach mit dem 360-Grad-Panorama zuoberst auf der Aussichtsterrasse. Den Pfänder sehen wir, die Insel Lindau. Die Schweizer Seite des Bodensees liegt unter einer grossen Nebeldecke. Aber die Berge Richtung Osten, Süden und Westen sind frei: Vorarlberger Alpen, Bündner Berge mit dem Piz Kesch, Ringelspitz (höchster Sankt Galler Gipfel), Trinserhorn und Piz Sardona, Tödi bis Pilatus, Rigi und Mythen u.v.a.m. Und der Zürichsee mit dem Damm und den beiden Inseln. Natürlich der ganze Alpstein mit Altmann und Seealpsee. Nordwärts liegt die Stadt Sankt Gallen, die wir morgen anpeilen werden. Distanzen in der Schweiz erscheinen von oben betrachtet als soooo kurz.
17. Oktober, 10.30 Uhr: Aus dem Postauto bei der Schwägalp steigt meine Schwester Susanne. Wir starten zu dritt die Wanderung ab 1350 m ü. M. hinunter nach Weissbad (816 m) und von dort mit der Bahn nach Appenzell. Bis zur Chammhalde steigt der Alpenpanoramaweg Nummer 3 leicht an. Susanne, mit leichtem Rucksack und Wanderstöcken, macht Tempo und lässt mich gleich „stehen“. Keine Chance gegen meine jüngere Schwester. Ab der Chammhalde geht’s abwärts. Endlich oder bedauerlich? Bergwelten sind Vergangenheit. Nun wechseln Landschaften und Vegetation. Der Herbstwald lässt uns durchatmen, es riecht nach geschlagenem Holz. E-Biker:innen kreuzen uns, auch ein Eichhörnchen mit Tannzapfen im Maul. Bäche rauschen zu Tal, an Brunnen lösche ich den Durst, wasche Schweiss weg. Vor dem Restaurant Lehmen (968 m) bestaunen wir einen imposanten Wasserfall. Der Leuenfall donnert von hoch oben, vom Schäfler her, in die Tiefe. Weit unten am Bach spazieren vier Jugendliche, die offenbar in Hängematten übernachtet haben. Abenteuer pur. Das Restaurant selber hat Wirtesonntag, wir verpflegen uns aus dem Rucksack.
17. Oktober, 14.30 Uhr: Weissbad ist erreicht, nach vier Stunden bergab wandern über 12 Kilometer. Nach dem Queren von vier Vegetationsstufen: Berg – Wald – Weiden – Dorf. Mein linkes Knie schmerzt, Spätfolgen vom gestrigen steilen, langen Abstieg nach Wasserauen – und heute von der Asphaltstrasse ab Wart. Die Füsse gehen weiter, weiter bis zum schmucken Hotel Hof Weissbad. Endlich ein grosses Dunkles, serviert von sehr freundlichem Personal. An dieser Stelle erwähne ich es mit grossem Dank: seit Bregenz sind wir ausschliesslich fachkundigen, freundlichen, lächelnden Frauen und Männern begegnet, die uns aufmerksam und zuvorkommend bedient haben in Hotels, Restaurants, Cafés und Berggasthäusern. Ein grosses Kompliment an die Bodensee-, die Sankt Galler- und die Appenzeller-Tourismus-Leute!
PS 1: Weissbad liegt auf 816 m zwischen Appenzell und Wasserauen sowie zwischen dem Zusammenfluss von Schwendibach und Brüelbach sowie dem Zufluss vom Wissbach in den Schwendibach, der ab hier mit dem Namen Sitter bezeichnet wird. Die Sitter mündet bei Bischofszell in die Thur. Morgen wandern wir der Sitter entlang von Appenzell bis Sankt Gallen.
PS 2: Ich kenne Weissbad als Startplatz zum Alpsteinlauf auf Langlaufskis via Schwägalp nach Urnäsch. Den ersten von drei Wettbewerben bestritt ich im Februar 1970 an jenem Sonntag, als Bernhard Russi Weltmeister in der Abfahrt wurde. Unvergessen die Freude am Ziel in Urnäsch.