Etappe 27 vom Säntis nach Appenzell

Selbst wenn die Knie ein wenig schmerzen,
gehen die Füsse weiter.

17. Oktober, 07.45 Uhr: Frühstück auf dem Säntis auf 2502 m ü. M.! Dieses Angebot macht uns das Hotel auf der Schwägalp. Wir nehmen es gerne an, so komme ich trotzdem noch auf den Säntis, einfach mit einem Tag Verspätung. Und mit der ersten Seilbahn ab 7.30 Uhr. Das Morgenessen ist Nebensache. Hauptsache für mich ist die grossartige Rundsicht auf dem Gipfel. Ein Föntag beginnt, alle Berge sind zum Greifen nah. Wir kommen kaum nach mit dem 360-Grad-Panorama zuoberst auf der Aussichtsterrasse. Den Pfänder sehen wir, die Insel Lindau. Die Schweizer Seite des Bodensees liegt unter einer grossen Nebeldecke. Aber die Berge Richtung Osten, Süden und Westen sind frei: Vorarlberger Alpen, Bündner Berge mit dem Piz Kesch, Ringelspitz (höchster Sankt Galler Gipfel), Trinserhorn und Piz Sardona, Tödi bis Pilatus, Rigi und Mythen u.v.a.m. Und der Zürichsee mit dem Damm und den beiden Inseln. Natürlich der ganze Alpstein mit Altmann und Seealpsee. Nordwärts liegt die Stadt Sankt Gallen, die wir morgen anpeilen werden. Distanzen in der Schweiz erscheinen von oben betrachtet als soooo kurz.

17. Oktober, 10.30 Uhr: Aus dem Postauto bei der Schwägalp steigt meine Schwester Susanne. Wir starten zu dritt die Wanderung ab 1350 m ü. M. hinunter nach Weissbad (816 m) und von dort mit der Bahn nach Appenzell. Bis zur Chammhalde steigt der Alpenpanoramaweg Nummer 3 leicht an. Susanne, mit leichtem Rucksack und Wanderstöcken, macht Tempo und lässt mich gleich „stehen“. Keine Chance gegen meine jüngere Schwester. Ab der Chammhalde geht’s abwärts. Endlich oder bedauerlich? Bergwelten sind Vergangenheit. Nun wechseln Landschaften und Vegetation. Der Herbstwald lässt uns durchatmen, es riecht nach geschlagenem Holz. E-Biker:innen kreuzen uns, auch ein Eichhörnchen mit Tannzapfen im Maul. Bäche rauschen zu Tal, an Brunnen lösche ich den Durst, wasche Schweiss weg. Vor dem Restaurant Lehmen (968 m) bestaunen wir einen imposanten Wasserfall. Der Leuenfall donnert von hoch oben, vom Schäfler her, in die Tiefe. Weit unten am Bach spazieren vier Jugendliche, die offenbar in Hängematten übernachtet haben. Abenteuer pur. Das Restaurant selber hat Wirtesonntag, wir verpflegen uns aus dem Rucksack.

17. Oktober, 14.30 Uhr: Weissbad ist erreicht, nach vier Stunden bergab wandern über 12 Kilometer. Nach dem Queren von vier Vegetationsstufen: Berg – Wald – Weiden – Dorf. Mein linkes Knie schmerzt, Spätfolgen vom gestrigen steilen, langen Abstieg nach Wasserauen – und heute von der Asphaltstrasse ab Wart. Die Füsse gehen weiter, weiter bis zum schmucken Hotel Hof Weissbad. Endlich ein grosses Dunkles, serviert von sehr freundlichem Personal. An dieser Stelle erwähne ich es mit grossem Dank: seit Bregenz sind wir ausschliesslich fachkundigen, freundlichen, lächelnden Frauen und Männern begegnet, die uns aufmerksam und zuvorkommend bedient haben in Hotels, Restaurants, Cafés und Berggasthäusern. Ein grosses Kompliment an die Bodensee-, die Sankt Galler- und die Appenzeller-Tourismus-Leute!

PS 1: Weissbad liegt auf 816 m zwischen Appenzell und Wasserauen sowie zwischen dem Zusammenfluss von Schwendibach und Brüelbach sowie dem Zufluss vom Wissbach in den Schwendibach, der ab hier mit dem Namen Sitter bezeichnet wird. Die Sitter mündet bei Bischofszell in die Thur. Morgen wandern wir der Sitter entlang von Appenzell bis Sankt Gallen.

PS 2: Ich kenne Weissbad als Startplatz zum Alpsteinlauf auf Langlaufskis via Schwägalp nach Urnäsch. Den ersten von drei Wettbewerben bestritt ich im Februar 1970 an jenem Sonntag, als Bernhard Russi Weltmeister in der Abfahrt wurde. Unvergessen die Freude am Ziel in Urnäsch.

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Etappe 26 von der Bollenwees via Widderalpsattel nach Wasserauen

Eroberungsdrang versus Erkenntnisdrang.
Statt einen Gipfel besteigen,
eine Kora um den Bodensee machen.

16. Oktober, 08.45 Uhr: So sieht das markante Profil heute aus: Bollenwees (1471) – Abzweigung Widderalp (1407) – Widderalpsattel (1856) – Meglisalp (1517) – Seealpsee (1143) – Wasserauen (870). Die Wetterprognosen sagen einen tollen Wandertag voraus. Schon beim Frühstück im Berggasthaus strahlt die Sonne den Gipfel des Altmanns morgenrötlich an. Kitsch pur, wenn es nicht Natur wäre.

16. Oktober, 10.30 Uhr: Den höchsten Punkt meiner Bodensee-Umwanderung erreiche ich auf dem Widderalpsattel 1856 m über Meer. Zur Erinnerung: der Bodensee liegt auf 398 m. Kurz nach dem Widderalpsattel ermöglicht ein schmaler Durchblick zwischen zwei Felsformationen den Blick auf einen ganz kleinen Ausschnitt Bodensee in rund 30 km Entfernung. Innerlich freue ich mich, es ist geschafft! Äusserlich tauchen Zweifel auf. Jetzt, wo ich dem Säntisgipfel nahe bin und ihn fotografiere, bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich nachher auch den Aufstieg von der Meglisalp auf den Säntis schaffen werde, immerhin nochmals tausend Meter Höhendifferenz. Ich habe mir heute wohl zu viel zugemutet mit zwei happigen Steigungen. Darum mache ich eine Programmänderung.

Unterwegs traf ich Melvin (9-jährig) und Winni ( 6-jährig). Die beiden Buben rannten (!) den Eltern bergwärts davon. Wie zwei junge Berggeissen nahmen sie die Direttissima Richtung Sattel. Ihnen gefalle es, wenn sie Herausforderungen bewältigen können, erzählen mir deren Eltern stolz. Auf dem Sattel, auf dem geografischen Höhepunkt meiner sechswöchigen Wanderung, telefoniere ich mit Rosmarie. Sie findet es toll, wenn ich nicht übertreibe. Ich hingegen denke an 70 Jahre Lebenszeit, an körperliche Gebresten, an die tägliche Ration Medikamente, an zu wenig Training in diesem Jahr – und bin zufrieden und dankbar für destotrotz nicht so schlechte körperliche Übungen. So schaue ich cool zum Altmann und zum Säntis-Gipfel hinüber. Mir fällt eine Weisheit aus dem Tibet ein, die ich oben im Vorspann zitiere und leicht abwandle. Statt des berühmten Kailash, ein für vier Religionen heiliger Berg auf der Hochebene, der auf 52 km meditativ umrundet wird, schreibe ich „Bodensee“. Eine Bergspitze erobern muss ich nicht mehr, meditieren und Erkenntnis-weise werden schon, mit den Füssen auf dem Boden.

16. Oktober, 13.45 Uhr: Nach fünf Stunden Wanderung mit abgeändertem Programm treffe ich unten in Wasserauen ein. Auf der Meglisalp, beim Seealpsee, auf dem Bergweg dazwischen wie auf dem Strässchen von Wasserauen hinauf zum See tummeln sich hunderte von Menschen. Sie alle, klein und gross, jung und alt, geniessen heute Sonntag etwas Bergsonne, bewegen ihre Körper hinauf und hinunter. Am Seealpsee schaue ich nochmals hinauf zum Altmann links, zur Rossmad in der Mitte im Vordergrund und zum Säntis hinten rechts.

Die Parkplätze in Wasserauen sind überfüllt. Mit den Appenzeller Bahnen kommt Rosmarie, um mich hier hinten im Appenzellischen abzuholen. Sie bringt aus Bern neue Wäsche für mich und die aktuelle SonntagsZeitung mit (die ich nicht lesen werde). Miteinander fahren wir mit Bahn und Postauto zu einem speziellen Nachtlager hinauf auf die Schwägalp. Im Hotel entspannen wir uns ausgiebig im Wellness-Bereich. Klar, dass mir anschliessend beim Nachtessen ein grosses dunkles Appenzeller Bier sehr gut mundet.

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Etappe 25 von Brülisau zur Bollenwees

Ein Berg stellt sich von einer anderen Seite betrachtet
ganz anders dar.

15. Oktober, 10.10 Uhr: Blaue Himmelsfenster über Brülisau, sie versprechen Wetterwechsel. Dazu Kuhglockengeläute auf der Wiese. Eine über eine höher liegende Weide springende Geissenherde bewirkt in den Ohren einen Stereoeffekt. Zwischen dem Hohen Kasten zur Linken und der Alp Sigel zur Rechten schlängelt sich das Strässchen zum letzten Parkplatz vor den Bergen. Eine viersprachige Tafel kündet die neue Welt an: „Von hier aus begeben Sie sich in ein Gebiet mit alpinen Gefahren.“ Ohne Ausrufezeichen. Auf 940 m über Meer.

15. Oktober, 8.14 Uhr: Das Postauto fährt bei der Kastenbahn in Brülisau weg. Einzige Passagierin: Rosmarie. Sie schaltet zwei Tage ein, um neue Wäsche zu holen und ihre Bibliothek in Biel-Bienne aufzusuchen. Schliesslich gibt es auch Tage ohne Wandern, Nächte mit spannender Lektüre. Aus Winterthur schreibt sie mir via SMS von strahlendem Sonnenschein.

15. Oktober, 11.20 Uhr: Die steilste Strecke der Bodensee-Umwanderung liegt unter mir. Das Brüeltobel ist steil, steiler, am steilsten. Der Aufstieg in Etappe 2 auf den Rorschacherberg dürfte auf Rang 2 folgen. Ob im Alpstein noch steilere Passagen auf mich warten werden? Auf dem Plattenbödeli (1274) kehre ich ein und sage mir: Ovomaltine verleiht Flügel. Schneller als der Wegweiser erlaubt, gehe ich der Bollenwees entgegen. Während mir im ersten Teil der Etappe viele Leute begegneten, bin ich auf der zweiten Hälfte fast allein unterwegs. Erst das Berggasthaus Bollenwees (1471) läuft zu meiner Überraschung in vollem Betrieb. Selbst das Nachtlager ist ausgebucht, ein Platz für mich reserviert. Die Wegweiser vor dem Berghaus laden zum Träumen ein: Saxer Lücke, Hoher Kasten, Zwinglipass, Rotsteinpass, Wildhaus, Meglisalp, Hundstein, Widderalpsattel, Säntis, Seealpsee. Kurz vor der Bollenwees fotografiere ich die ersten der sieben Kreuzberge. Einst, vor langer Zeit, kraxelte ich mit Bergführer und Freund Felix dort oben herum. Grüsse gehen raus an ihn und Monika! Hoch über dem Fählensee thront spitz der Altmann, der dritthöchste Gipfel im Alpsteinmassiv. In jungen Jahren kletterte ich durch das Schaffhauserkamin auf dessen Gipfel. Als nun (fast) alter Mann schaue ich wehmütig zum steinernen Kollegen hinauf. Vom Bodensee her erscheint er als breiter Gipfel. Hier erschliesst eine ganz andere Perspektive ein Matterhorn im Kleinformat. Auch die Widderalpstöck winken von oben zum Fälensee hinunter, ebenfalls Kletterberge während meiner Appenzellerzeit im Kollegium St. Antonius. 50 Jahre nach der Matura bin ich zurück in der Region meiner Jugend „am Berg“, zu lesen in der ersten Bedeutung des Wortes. Der Alpstein gehört für mich untrennbar zur Bodensee-Region, er ist fast von überall her sichtbar. Morgen sollte ich den geografischen Höhepunkt meiner Bodensee-Umwanderung erklimmen.

15. Oktober, 15.00 Uhr: In dreissig Minuten kann ich das Nachtlager beziehen, im Massenschlag Nummer 19 liegen für gerade 7 Personen Decken und Kissen bereit. Das sind gute Aussichten. Der Blick nach draussen verheisst hingegen weniger gute Aussichten: es regnet. Dabei sollten doch ab jetzt Sonnenstrahlen das Kommando übernehmen. Warum zögern sie? Es heisst sogar, dass sich ab Sonntag der Goldene Herbst durchsetzen wird. Am 16.Oktober feiert zudem die Stadt Sankt Gallen den Gallus, einen Feiertag. Da MUSS die Sonne scheinen.

15. Oktober, 19.00 Uhr: Beim Nachtessen ist der Schlag 19 dem gleichen Tisch zugeteilt, nur zwei Personen fehlen noch. Mit meinen Tischnachbarn Anna und Daniel ergibt sich spontan viel Gesprächsstoff. Sie wohnen in Sankt Gallen, kennen aber weder die Gallus-Legenden noch die Inklusin Wiborada. Die Stiftsbibliothek besuchten sie noch nie. Ok, sie sind sehr jung. Sie kommt von Splügen und ist dort im Winter als Pistenpatrolleurin und Lawinenretterin im Einsatz. Er stammt aus dem Neckertal und ist beruflich als Planer auf Baustellen unterwegs. Jetzt geniessen die beiden ein gemeinsames Wochenende in den Bergen. Wir setzten dem Abend einen einheimischen Schlusstrunk mit Appenzeller Alpenbitter.

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Ruhetag in Brülisau

Beim Gehen werden 600 Muskeln
und 100 Gelenke verwendet.

14. Oktober: 15.30: Mein Mittagsschlaf ist vorbei. Vor dem Gasthauszimmer in Brülisau regnet es. Immer noch. Oder schon wieder? Der Radar auf der Wetterapp zeigt an, dass der Niederschlag in den nächsten Stunden richtig stark ausfallen soll. Es ist (Wortspiel) zum Brüllen! Seit Montag sind wir zu Fuss und hie und da mit ÖV unterwegs. Ab morgen warten zwei Bergetappen auf mich. Die Wetterprognosen versprechen von Samstag Mittag an Sonne pur. Am Sonntag Nachmittag, am Gallustag, möchte ich auf dem Gipfel des Säntis tief unter mir den Bodensee wieder sehen. Wir gehen bekanntlich rund um den Bodensee. Von dessen Ufer aus sahen wir aus manchen Perspektiven den Alpstein in seiner ganzen Länge im Süden. Weit links den Hohen Kasten mit seiner Antenne – ganz rechts den Säntis mit dessen Antenne. Nun sind wir ganz nahe dran am Alpstein, in Brülisau mit Händen zu greifen. Unser / mein Programm sah vor, heute von Gais über Eggerstanden – Eggli – Fähnerenspitz – Resspass – Kamor auf den Hohen Kasten zu wandern. Für solche Bergtouren trainiere ich hie und da 600 Muskeln und 100 Gelenke.

14. Oktober, 9.30: In Gais beginnt es zu regnen. Der Bergführer entscheidet mit nachdenklichem Blick zum Himmel: „Keine Bergtour bei diesem Wetter!“ Regen sei Dank, meint die Gästin des Bergführers strahlend. Wir gehen in der vom Wakker-Preis ausgezeichneten Ortsmitte am Café Platz Drü vorbei. Zwei Kunstfiguren sitzen davor und lassen Zeit Zeit sein. Mir fällt eine Werbetafel vor einem anderen Café ein: „Die Vernunft sagt: Bauchmuskeltraining. Das Herz sagt: Vermicelles geniessen.“ Bereits heute um 10.30 Uhr habe ich den zweiten Teil der Werbung praktiziert, im Café Appenzell im Flecken Appenzell. Am Montag Nachmittag kommen wir hier wieder vorbei. Jetzt gilt: Ruhetag ist Ruhetag ist RUHETAG. Inklusive Mittagsschlaf. Kurz vor Appenzell, in der Appenzeller Bahn, warf ich einen traurigen Blick auf den Fähnerenspitz, auf den Hohen Kasten, auf die Kette Richtung Saxerlücke. Das GA des ÖV im Rucksack kam sich nützlich vor.

14. Oktober, 16.30: Das Convertible soll ebenfalls ruhen. Ich trage es nicht auf den Säntis hinauf. Es wird bis Sonntag Abend in der Obhut von Rosmarie rund 48 Stunden lang „ausschlafen“. Gute Erholung!

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