Schlussetappe 31 durch Arbons Geschichte

Wenn sich einer Schloss Arbon bauen lässt,
muss ein von Hohenlandenberg dahinterstecken.

23. Oktober, 9.55 Uhr: Arbon empfängt uns mit Sonnenschein und sonntäglichem Geläute von Kirchenglocken, ein passender Empfang für meine 31. und letzte Etappe der Bodensee-Umwanderung 2022. Auf dieser Etappe durchstreifen wir mehr als 5000 Jahre Ortsgeschichte auf kleinstem Raum im Historischen Museum Schloss Arbon. Hier begrüssen mich zwei bekannte „Figuren“: ein Portrait von Bischof Hugo von Hohenlandenberg, Erbauer des neuen Schlosses zu Beginn des 16. Jahrhunderts, und an der Kasse des Museums Hanni, Klassenkameradin von der 3. bis zur 6. Klasse im Promenadenschulhaus.
Mein Bruder Urban machte mich auf die heutige Führung im Museum aufmerksam, meine Schwester Susanne kommt auch dazu. Erika Mock leitet die Veranstaltung. Bevor sie loslegt, öffnet sie extra für uns den Landenbergsaal. Er erinnert an Hugo und andere Arboner Grössen. Beim Rundgang im Museum machen 14 an Lokalgeschichte Interessierte mit. Er beginnt in der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, mit der „Arboner“ Dorfsiedlung von 3384 bis 3370 v. Chr. Archäologische Ausgrabungen zwischen 1993 und 1995 legten 30 Häuser einer wohl viel grösseren Siedlung frei, die heute Bleiche 3 genannt wird. Damals lag die Uferlinie ca. 800 m weiter landeinwärts als heute. Funde erzählen von Ernährungsgewohnheiten und lassen auf eine Art Fernhandel schliessen. 3370 fiel die Siedlung einer Brandkatastrophe zum Opfer. Sie gibt Zeugnis vom Übergang von der Pfyner Kultur zur Horgener Kultur. Eine weitere Dorfsiedlung, als Bleiche 1 bekannt, existierte um 2500 v. Chr. Experten finden einige Steinbeile, sonst ist wenig von dieser Ausgrabung bekannt. Bedeutender wird die Bleiche 2. Bei Entwässerungsarbeiten wurde 1944 ein frühbronzezeitliches Dorf aus der Zeit um 1600 v. Chr. entdeckt. Danach legte eine Grabungsequipe rund 3’000 Quadratmeter des Dorfes frei, eine erstaunlicher Fundmenge europäischer Bedeutung. Es muss u.a. Fern- und Tauschhandel gegeben haben, die Ufersiedlung Arbon lag verkehrsgünstig zwischen Rhein und Donau. Bleiche 2 + 3 stehen unter dem Schutz des UNESCO-Weltkulturerbes verschiedener prähistorischer Pfahlbauten. Heute liegen die Fundschichten von mehreren Metern Sediment überdeckt unter Parkplatz und Gebäuden gut geschützt im feuchten Untergrund.
Die Zeit der Römer beginnt 15. v. Chr. Drusus und Tiberius erobern mit ihren Soldaten Graubünden, das Rheintal und die Bodenseeregion. Der Osten des heutigen Thurgaus kommt zur Provinz Raetia. Im westlichen Teil beginnt die Provinz Germania superior. In Arbon entsteht eine kleine Handelssiedlung, ein vicus, an den Strassen Pfyn – Bregenz – Augsburg sowie Konstanz – Rheineck – Rheintal – Chur. Eine prosperierende Zeit während der Pax Romana bricht an, sie dauert bis zum Beginn des 3. Jahrhunderts. Die Römer bringen als Baumaterial den Mörtel mit, dazu Leder, Münzen u.a.m. Um 280 errichten sie auf dem heutigen Schlosshügel das Kastell Arbor felix, das mit 8 Wehrtürmen erst 1957 entdeckt wurde! Sein Umriss beträgt 350 m. Es schützt gegen vorrückende Alemannenstämme. Und erst 1986 (!) wird unter der Kirche St. Martin eine intakte römische, beheizbare Badeanlage gefunden. An diesem speziellen Ort direkt am Bodensee wurden im Lauf der Zeit 4 Kirchen gebaut: eine karolingische, eine romanische, eine spätgotische und die Ende des 18. Jahrhundert erstellte heutige Kirche.
Ab 400 ziehen sich die römischen Soldaten aus der Bodenseeregion zurück. Und wieder ändert sich die Welt. Alemannen übernehmen. Wir nennen die kommende Zeit frühes Mittelalter. In Arbon wird ab 1900 infolge Wohnbautätigkeiten auf dem Berglihügel – dort bin ich ab 1952 aufgewachsen – ein Gräberfeld freigelegt aus  der Zeit von 580 bis 650. Die Art der Bestattungen weist auf romanische und alemannische Herkunft der Verstorbenen hin. Die wertvollste Grabbeilage ist eine Gürtelschnalle von 600, sie gehörte wohl einer zugewanderten Burgunderin. Im frühen Mittealter wächst Arbon. Die Bevölkerung ist gemischt und friedlich. Auch eine Christengemeinde existiert um 610. Das Patrozinium der karolingischen Kirche – St. Martin – weist auf fränkischen Einfluss hin. Wann genau die erste Kirche innerhalb des alten römischen Kastells erbaut wurde, ist nicht klar. Es könnte schon bei den Römern einen frühchristlichen Kultort gegeben haben, der seinerseits ein römisches Lager-Heiligtum ablöste. Das scheint mir logisch zu sein.
Erstmals wird eine Burg Arbon im Jahr 720 erwähnt, und zwar in der Sankt Galler Klostergeschichte von Ratbert. (Das Kloster Sankt Gallen tritt 719 mit Otmar ins Licht der Geschichte, es braucht nun dringend eine Gründungslegende – siehe den Essay Klosterlandschaft Bodensee.) Die Stadt Arbon wird um 700 Grundbesitz des noch jungen Bistums Konstanz. Bis 1798 regieren hier bischöfliche Obervögte. Ein neuer Schlossturm entstand um 1250 zusammen mit der Stadtmauer, um sich gegen Ansprüche des Klosters Sankt Gallen zu schützen. Etwas früher, 1138 bis 1165, war ein Hermann von Arbon Bischof in Konstanz. Etwas später, 1515 bis 1519, liess Bischof Hugo von Hohenlandenberg in seinem Besitz Arbon ein neues Schloss als Residenz errichten, er baute auch die Schlösser Meersburg und Markdorf.
Ein Wort zu Gallus darf hier nicht fehlen, Erika Mock erwähnt ihn als „Hybrid“ zwischen Geschichte und Legende. Ich ordne Gallus als Teil der Gründungslegende von Sankt Gallen ein. Die Jahre 610 bis 650 – erzählt werden die Ankunft von Gallus am Bodensee um 610 oder dessen Tod in Arbon um 650 – liegen historisch im Dunkeln. Von Gallus gibt es keine Klostergründung, keine Texte, keine Grabstätte, keine bekannten Anhänger und Nachfolger. Erst 719 gründet Otmar ein Kloster im Arboner Forst. Erst lange nach dem Tod von Gallus entstehen wundersame Legenden und Bilder, zum Beispiel jene wirkmächtige um 845 von Walahfrid Strabo im Kloster auf der Reichenau – eine typische literarische Form für „invention of tradition“, für erfundene Traditionen. (Was später in der Schweizer Geschichte auch auf Wilhelm Tell, auf die „bösen“ Habsburger und andere Figuren zutrifft.)

23. Oktober, 15.00 Uhr: Eigentlich unglaublich: drei Premieren durfte ich als 70-jähriger heute in Arbon, in meiner Geburtsstadt, erleben: den Besuch im Historischen Museum, den Aufstieg auf den Schlossturm mit toller Rundsicht, den Kastell-Umgang. Dabei war ich als Kind und Jugendlicher sehr oft im Schloss- und Kirchenbezirk engagiert – und hatte keine Ahnung von historischen Hintergründen. In der Rubrik Essay will ich mich darum Arbon mit seiner Geschichte sowie mit seiner unmittelbaren Zukunft noch etwas ausführlicher annähern. Hier fehlt ja u.a. die ganze Industriegeschichte zur Leinwand, zur Stickerei, zu den Maschinen und Lastwagen, zu Heine, Saurer’s, Johann Heinrich Mayr, Stoffel’s … zu sozialen Unruhen um 1900, zum  roten Arbon,  zum bürgerlichen Arbon usw.

23. Oktober, 15.36 Uhr: Unsere Bodensee-Umwanderung ist endgültig zu ENDE. Die S7 verlässt den Bahnhof Arbon bei bedecktem Himmel. Immerhin weint er nicht. Wir fahren ein letztes Mal dem Bodensee entlang bis Romanshorn. Von dort bringt uns der IC8 nach Bern. Im Zug lese ich im NZZ am Sonntag Magazin eine Reportage über das Projekt eines 250 Kilometer langen, zweiwöchigen Fernwanderweges durch die kurdische Region im Nordirak, provisorisch „Zagros Mountain Trail“ benannt. Dessen Vorbilder: Jakobsweg, Appalachian Trail, Pennine Way. Keine Erwähnung findet (noch?) MBBs-Bodensee-Trail.

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Etappe 30 von Sankt Gallen nach Arbon

Der Steinach entlang nach Steinach
wie der legendäre Gallus im 7. Jahrhundert.

20. Oktober, 10.10 Uhr: Die Steinach donnert als Wasserfall ungezähmt über die Felsen herunter und verschwindet bei der Talstation der Mühlegg-Bahn gleich unter dem Stadtboden. Gallus winkt ihr nach, den Bär interessiert das Gewässer nicht. Bevor wir uns auf den Weg hinunter zur Mündung der Steinach in den Bodensee machen, gilt ein Besuch der Gallus-Kapelle im Innenhof des Stiftsbezirks. Leider ist sie geschlossen. Bischof Desiderius und Hauptmann Mauritius vor der Tür lassen uns nicht hinein. Die erste Kapelle wurde hier im 10. Jahrhundert erbaut – und 1671 neu errichtet. Bilder in barockem Stil würden den Innenraum schmücken und Gallus aufleben lassen. Sie erzählen so wirksam von ihm, dass alle Worte und historischen Fragezeichen keine Chance haben. So begehen wir heute den Gallus-Weg, obwohl er nirgends als solcher markiert ist. Rosmarie lädt dessen Route auf ihr Smartphone. Sie wurde im Gallusjubiläum 2012 als Pilgerweg eingerichtet. Durch die Stadt Sankt Gallen fahren wir mit dem Bus bis zu seiner Endstation Guggeien, so schenken wir uns eine langweilige Stunde Marsch. Auf 676 m über Meer gehen wir los, auf uns warten 12 Kilometer mit 86 m Aufstieg und 363 m Abstieg. Hier oben ist die Steinach weit weg. Über das Steinachtobel hinweg ahnen wir im Nebel die Hauptstrasse bei Wittenbach und das Hotel, in dem wir nach Etappe 2 übernachteten. Auch von der Aussicht auf den Bodensee ist nichts zu sehen, ausser im Vordergrund etwas Wald, etwas Wiesen, hie und da ein Bauernhof. Unterwegs treffen wir einen Bauer an, seine fünf Kinder helfen ihm beim Einsammeln von Äpfeln. Die grösseren steuern cool zwei Traktoren. Die Kleinste sitzt mit Nuggi im Mund auf dem einen Traktor und hält sich an ihrem grösseren Bruder fest. Ein süsses Bild! Was hätte sich wohl Gallus gedacht, wenn er in dieser Gegend einer solchen Familie begegnet wäre? Er hat doch eher Bären bevorzugt, mit denen er kämpfte und die er dirigierte …
Beim Bahnhof Mörschwil machen wir eine kurze Mittagspause. Bald schenkt Rosmarie wieder ihrem Smartphone Aufmerksamkeit, dem heruntergeladenen inoffiziellen Gallusweg. Dank GPS finden wir jede Richtungsänderung. Endlich stossen wir an die Steinach, sie rauscht gemütlich in unseren Ohren. Auf dem Gallussteg (!) überqueren wir den Bach. Hier beginnt der letzte Aufstieg der Etappe hinauf zur Steinerburg. Als Kind besuchte ich die Ruine mehrmals mit dem Velo. Jetzt lese ich, dass sie vor 1220 von den Herren von Steinach erbaut wurde. Diese wohnten im Grenzgebiet zwischen dem Bischof von Konstanz und dem Abt von Sankt Gallen. Für beide Herrschaften mussten sie als Dienstleute arbeiten. Ein paar Meter neben der Ruine fällt unser Blick das erste Mal auf … Arbon und den Bodensee. Weit ist es nicht mehr. In Obersteinach verläuft der Gallusweg im Zickzack um mehrere Häuserecken, nur dank GSP finden wir ihn, nicht einmal Wanderwegweiser helfen. Wieder am Bach namens Steinach ist alles klar: der Weg zur Mündung in den Bodensee verläuft leicht abwärts in gerader Linie.

20. Oktober, 13.40 Uhr: Auf der Brücke über die Steinach in Steinach (398 m ü. M.), kurz bevor der Bach im See „verschwindet“, schliesst sich unser Kreis der Bodensee-Umwanderung. Hier überquerten wir am Ostersonntag, am 17. April 2022, auf unserer ersten Etappe von Arbon nach Rorschach die Steinach das erste Mal. Jetzt ist es geschafft – wir haben den Bodensee umrundet! Es fehlt bloss noch ein Besuch im Historischen Museum Arbon, das während der Woche bereits geschlossen hat. Den Besuch holen wir deshalb am nächsten Sonntag, am 23. Oktober, nach. Auf der Etappe 31. Die letzten Meter der Etappe 30, von Steinach nach Arbon dem See entlang, geniessen wir leichten Herzens und in der typisch-lokalen Herbststimmung. Auch die Arboner Gallus-Kapelle ist verriegelt, eine Parallele zu jener in Sankt Gallen. Was würde wohl Gallus zu „seinen“ verschlossenen Türen sagen? Er sei bekannt gewesen als „harter Hund“, als erbarmungsloser Missionar. So berichten es Legenden.

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Etappe 29 in der Stadt Sankt Gallen

Wiborada schaut durch ein Fenster auf die Welt
und durch das zweite Fenster auf eine Kirche.

19. Oktober, 10.00: Première in Sankt Gallen. Zum ersten Mal, es ist unglaublich, stehe ich vor Wiborada und der St. Mangen-Kirche auf der Magnihalde. Der Platz wirkt wunderschön im Herbst. Und dies in unmittelbarer Nähe unseres Hotels. Warum zum Gugger war ich noch niemals hier? Bis vor kurzem kannte ich Wiborada nicht. Dabei … Sie gilt als Patronin der Bibliotheken und Bücherfreund:innen. Eines ihrer Attribute: ein Buch. Wiborada ist ein althochdeutscher Name und bedeutet „weibliche Ratgeberin“. Im Jahr 926, lang ist es her, gab sie beim Ungarn-Einfall den Sankt Galler Mönchen den klugen Tipp, die Bibliothek des Klosters auf die Insel Reichenau im Bodensee auszulagern, ebenfalls ein berühmtes Kloster der Bodensee-Region. So rettete sie das älteste Buch in deutscher Sprache von 720 sowie das um 920 in St. Gallen zusammen gestellte, älteste Liederbuch der Welt. Überhaupt wird Wiborada als geschätzte Ratgeberin und Mahnerin verehrt. Sie lebte 10 Jahre lang als Inklusin in einer Zelle eingeschlossen. Durch ein Fenster konnte sie in die Welt, in die Stadt, hinaus schauen, durch ein zweites Fenster zur Kirche. Ihre Zelle bei der heute reformierten Kirche St. Mangen an der Kirchgasse – es ist die älteste Kirche der Stadt – suchten viele Menschen auf, darin lebte sie seit Pfingsten 916. Weitere Frauen eiferten ihr nach und bildeten unter ihrer Leitung eine Inklusinnen-Gemeinschaft. Beim Einfall der Ungarn kam sie 926 als Märtyrerin ums Leben. 1047 wurde sie als erste historisch belegte Frau von Papst Clemens II. in die Schar der Heiligen aufgenommen. Vor der Kirche stehen wir auf dem Wiborada-Platz und schauen auf ihre Statue, die 1926 geschaffen wurde. Rosmarie fotografiert sie. Die Wiborada-Treppe führt zur nächsten Gasse hinunter. Um 960/970 verfasste Klosterdekan Ekkehart I. die erste „Vita sanctae Wiboradae“, die erste „Biografie“. Um 1075 entstand eine zweite Vita, legendär-rhetorisch erweitert von Mönch Herimannus. Wir stehen beeindruckt neben der Frau. Sie soll am Bodensee in eine vornehme Thurgauer Familie hinein geboren sein, wann und wo genau ist nicht bekannt. 912 zügelte sie nach Sankt Gallen. Im Stiftsarchiv hätte es mehr „Material“ zur Stadtheiligen. Während ich dieses Blog schreibe, besucht Rosmarie die feministische „Wyborada Frauenbibliothek“, 1986 gegründet und nun zum Literaturhaus erweitert. Leider ist es wegen Ferien geschlossen, Pech! Dort wollte sie mehr erfahren vom Projekt „Wiborada 2021“. Ende April bis Ende Juni liessen sich zehn Frauen für je eine Woche in einer speziellen Zelle mit 2 Fenstern einschliessen, eines ging auf die Kirche hinaus, das andere auf die Welt. Unter anderem schrieben sie Tagebuch, das nach Abschluss des Projektes in die Sammlung der Stiftsbibliothek kam. Das Thema der Aktion lautete: „Ein Schatz im Acker“. Warum ist dieser Schatz so wenig bekannt? Warum spricht Sankt Gallen nur von Gallus? Irgendwie fehlt hier eine Ortstafel, auf der in grossen Buchstaben SANCTA WIBORADA stehen sollte.

Selbstverständlich gehen wir auch zu Gallus. Am Wasserfall des Baches Steinach, am Fuss der Mühlenenschlucht gleich neben dem Klosterbezirk, schaut er von oben auf uns herab, neben sich die Jahreszahl 612. Ich stehe auf einem Kunstwerk des uns persönlich bekannten Sankt Galler Künstlers Hans Thomann – Grüsse gehen raus! – das wie ein Sprungbrett über der Steinach schwebt. Ein historischer Ort? Ein legendärer Ort! Hier beginnt morgen der Gallus-Weg, der uns via Steinachtobel hinunter nach Arbon zur Gallus-Kapelle führen soll.

Von historischem Gewicht ist der Dom nebenan, ein barockes Juwel, Weltkulturerbe der UNESCO. Für einen kurzen Augenblick sind wir nur zu dritt in diesem wunderschönen Raum und atmen tief durch. In der Stiftsbibliothek begegnen wir neben unzähligen Büchern aus alter Zeit dem Wissenschaftler, Lehrer und Mönch Notker dem Deutschen. Er starb 1020 an einer vom Heer Heinrichs II. eingeschleppten Krankheit. Ihm ist zur Zeit eine Ausstellung gewidmet unter dem Titel „Zeitenwende“. Notker hat zweisprachige Texte und Bücher verfasst: auf Lateinisch und auf Althochdeutsch. Darum erhielt er den Beinamen „der Deutsche“. Zur damaligen kulturellen Zeitenwende trug er bei, weil er religiöse und philosophische Texte, u.a. von Aristoteles, ins Deutsche übertrug. Damit hob er die damalige Volkssprache der Einheimischen auf Augenhöhe zur Gelehrtensprache Latein. Im Gewölbekeller schauen wir noch bei der Ausstellung zur „Geschichte“ von Gallus und dem Beginn des Klosters Sankt Gallen vorbei. Ich setze „Geschichte“ bewusst in Anführungszeichen, weil „Legenden“ der treffendere Begriff wäre, der immerhin in Untertiteln verwendet wird. So what. Als wir den Klosterhof verlassen, grüsse ich Otmar, den Klostergründer, der als Statue neben dem Eingang zu Büro und Wohnung von Bischof Markus steht. In Freiburg waren wir Studienkollegen – Grüsse gehen raus!

PS. Nach der Bodensee-Umwanderung werde ich längere Essays schreiben zur Stadt Sankt Gallen, zum Thurgau und zu Arbon. Für die letzten Wandertage meines Bodensee-Projektes gilt noch das Motto: „Die Füsse sind für mein Schreiben so wichtig wie der Laptop.“

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Etappe 28 von Appenzell nach Sankt Gallen

Gedankengänge – ich gehe
durch Landschaften und Texte.

18. Oktober, 8.00 Uhr: Übernachtet haben wir in Appenzell im Hotel Schwarzer Adler. Das Haus steht seit 1560, damals als Oberegger Haus bekannt, Oberegg ist eine Exklave von Innerrhoden. Im Hotelzimmer lesen wir eine bemerkenswerte Notiz: „Appenzeller Leitungswasser ist ein Geschenk der Natur, Quellwasser aus dem Alpstein, reich an Kalzium, Natrium und Magnesium.“ Prost!

18. Oktober, 9.45 Uhr: Mein Bruder Urban kommt nach Appenzell an die Brücke über die Sitter bei der katholischen Kirche St. Mauritius. Er engagiert sich heute wiederum als Sherpa für Rosmarie sowie als Wanderleiter nach Sankt Gallen. Weil er in Sankt Gallen und in Appenzell wohnte, ist er prädestiniert für Etappe 28. Er erzählt einiges zu Land und Leuten der Gegend. Und bestimmt, wo wir entlang gehen. Ich stelle mir vor, hauptsächlich der Sitter entlang. Kurz vor Schlatt ist vom Fluss nichts zu sehen. Mit 19 Prozent Steigung wandern wir 20 Minuten aufwärts. Die Aussicht zurück auf Alpstein, Kronberg und Hundwiler Höhe wird Schritt für Schritt eindrücklicher. Bald folgt der zweite knackige Aufstieg. So erkunden wir Appenzell Innerrhoden auf mir bisher unbekannten Routen rauf und runter, rauf und runter. Immerhin empfangen uns bei Abstiegen kühlende Wälder. Doch bereits steigt der Wanderweg wieder an. Bei einem Bauernhof, wunderschön auf einer Anhöhe gelegen, quert er eine stark zertretene Kuhweide. Mein Rucksack drückt. Mein Gleichgewicht vergisst seine Funktion. Ich liege plötzlich am Boden, die Adduktoren zwicken. Urban erbarmt sich meiner. Er übernimmt meinen Rucksack, während Rosmarie wieder den ihren trägt. Ich werde mit dem leichtesten Gepäckstück versehen. So weit sind wir nun also … Soll ich in Zukunft vermehrt durch Texte „gehen“ statt durch Landschaften?

18. Oktober, 12.45: In Haslen ist fertig lustig. Nach der Mittagspause an einem Brunnen – die Beizen sind alle zu wegen Wirtesonntag – schnalle ich meinen Rucksack wieder selber auf. Bitte sehr, wo sind wir denn! Steil runter geht’s wieder einmal an die Sitter, wo der wilde Rotbach in sie mündet. Logisch, dass unsere Route sofort wieder steil hinauf führt, diesmal zur Strafanstalt Gmünden, dem kantonalen Gefängnis. Kurz vorher können wir einen Blick auf das fast versteckte Kloster Wonnenstein werfen. Der Landwirtschaftsbetrieb gehört zu Ausserrhoden, das Kloster selber jedoch als Exklave zu Innerrhoden, eine uralte Regelung. Gmünden und Wonnenstein in unmittelbarer Nachbarschaft: zwei geschlossene Systeme hinter dicken Mauern, zwei unterschiedliche Welten.

18. Oktober, 13.45 Uhr: Eine Beiz am Weg hinauf nach Teufen hat tatsächlich offen. Möhl-Saft, was Kleines zum Essen und Kaffee tun gut. Weniger erfreulich ist die Aussage des Wirtes, dass er hier fast nichts verdiene mit seinem Restaurant, sein Stundenlohn betrage knapp 1 Franken! Und er arbeite 7 Tage pro Woche. Nochmals eine ganz andere Welt. Und wie leben wohl Bäuerinnen und Bauern in den Streusiedlungen des Appenzellerlandes? Ich weiss es nicht. Beim Restaurant könnten wir Postauto Nr. 180 nach Sankt Gallen besteigen. Machen wir selbstverständlich nicht, wir winken dem Chauffeur freundlich zu. Er fährt weiter.

18. Oktober, 15.10 Uhr: Unsere Tageswanderung endet kurz vor der Stadtgrenze von Sankt Gallen bei der Station Lustmühle der Appenzellerbahnen. In wenigen Minuten gelangen wir ins viel tiefer gelegene Stadtzentrum. Einige Daten der heutigen Tour ab Appenzell: 15 km Distanz – Zeit: 4 Stunden 15 Minuten – Höhenmeter 531 – Abstiege 512 m. Ich habe mich schwer getäuscht mit meiner Annahme, von Appenzell nach Sankt Gallen gehe es fast ausschliesslich runter. Das trifft nur für die Sitter zu. Und diese fliesst im Sittertobel durch Stadtgebiet Richtung Wittenbach und Bischofszell.

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