Am Bodensee eine eigene Einheit bilden

Warum hast du, Napoleon, Napoleon, oh Napoleon
Konstanz den Badener gegeben? Warum nicht Arbon?

Ist doch klar: wenn mir ein anderer Mensch aus dem Herzen spricht oder in diesem Fall: aus dem Herzen schreibt, lese ich dessen Text mit grosser Freude. So geschah es auch am 15. Januar 2023. In der SonntagsZeitung las ich ein Interview mit dem Historiker Oliver Zimmer und dem Ökonomen und Glücksforscher Bruno S. Frey. Beide Namen sind mir bekannt. Nun schrieben sie zusammen das Buch „Mehr Demokratie wagen. Für eine Teilhabe aller“. Ihr grosses Thema löst in mir aber nicht den Impuls aus für folgende Sätze. Es ist vielmehr eine kleine Beobachtung, die zu MBB’s Bodensee-Trail passt. Im Interview wird u.a. der Bodensee erwähnt, die Stadt Konstanz, die Bodenseekonferenz, der Thurgau – alles Stichworte, die ich im letzten Jahr anlässlich unserer Wanderung um den Bodensee ausführlich beschrieb.

Die SonntagsZeitung erwähnt globale Krisen, für deren Lösung supranationale Organisationen unerlässlich seien.
Bruno S. Frey erwidert, dass neue Gliederungen zu schaffen seien, welche Probleme effizient lösen könnten. Nationalstaaten zum Beispiel nähmen zu wenig Rücksicht auf regionale Gegebenheiten und Bedürfnisse. Dann sagt er: „Ich habe sieben Jahre in Konstanz am Bodensee gelebt. Konstanz hat immer in den Thurgau geschaut. Eigentlich gehört die Stadt kulturell und wirtschaftlich in die Schweiz.“

Die SonntagsZeitung stellt die Frage, ob die Schweiz Konstanz annektieren solle.
Bruno S. Frey antwortet so: „Nein, natürlich nicht. Aber ich bin der Meinung, dass man eine Einheit bilden sollte, die sich mit den Problemen des Bodenseeraums auseinandersetzt: Wasserqualität, Umwelt, Tourismus und anderes. Heute ist der Bodensee von zwei deutschen Bundesländern und von Vorarlberg umgeben, über die weitgehend in Berlin und Wien bestimmt wird. Und dann kommen noch zwei Schweizer Kantone dazu, die ebenfalls an den Bodensee grenzen. Der Bodensee sollte eine eigene Einheit mit eigener Steuerhoheit sein. Alles andere ist eigentlich ein Witz.“ Punkt. So ist es. Punkt.

Die SonntagsZeitung bezweifelt, dass es sinnvoll sei, in einem Buch Vorschläge zu machen, die nie und nimmer umgesetzt werden.
Oliver Zimmer dazu: „Viele Vorschläge und Idee, die vor 200 Jahren als verrückt galten, sind heute umgesetzt und selbstverständlich. Bruno S. Frey Idee, neue Einheiten zu schaffen, ist visionär und bis zu einem gewissen Grad sicher utopisch. Aber letztlich läuft sein Modell auf ein Friedensprojekt hinaus, denn es plädiert für kleinere Einheiten und für mehr Subsidiarität. In der EU ist Subsidiarität ein Schlagwort geblieben.“
Und Bruno S. Frey ergänzt: „Und so utopisch ist es dann auch wieder nicht. Es gibt ja schon Vorstufen dazu, etwa die Bodenseekonferenz. Die müsste man nur richtig entwickeln. Im Bodenseeraum fühlen sich die Leute wirklich dem Bodensee zugehörig. Und sicher nicht Berlin oder Wien.“

Im Essay „Keine Expo 2027 im Raum Ostschweiz-Bodensee“ plädiere ich als gebürtiger Bodenseer fürs Entdecken und Bereisen der gesamten Bodenseeregion. Wer weiss, vielleicht wächst dort eines schönen Tages der Wille, eine Bodensee-Expo anzupacken. Ich helfe mit, ist doch klar.

PS: Im kursiven Vorwort dieses Blogs spreche ich Napoleon Bonaparte an, der Konstanz 1806 ins neue Grossherzogtum Baden integrierte. Dieses war bis 1871 ein souveräner Staat. Mit 1806 endeten die letzten Träume einer offiziellen Einbindung von Konstanz in den Kanton Thurgau. Schade. Meine Meinung. Arbon erwähne ich des Reimes wegen – und weil das Städtchen am Bodensee Teil des Fürstbistums Konstanz war. Und ab 1952 mein Geburtsort.

PPS: Ironie der Geschichte: Louis Napoleon, Neffe von Napoleon Bonaparte und später Kaiser Napoleon III., wuchs zeitweise auf Schloss Arenenberg und in Konstanz auf. Er wurde 1832 offiziell Schweizer Staatsbürger und Ehrenbürger des Kantons Thurgau.


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