Wenn sich einer Schloss Arbon bauen lässt,
muss ein von Hohenlandenberg dahinterstecken.
23. Oktober, 9.55 Uhr: Arbon empfängt uns mit Sonnenschein und sonntäglichem Geläute von Kirchenglocken, ein passender Empfang für meine 31. und letzte Etappe der Bodensee-Umwanderung 2022. Auf dieser Etappe durchstreifen wir mehr als 5000 Jahre Ortsgeschichte auf kleinstem Raum im Historischen Museum Schloss Arbon. Hier begrüssen mich zwei bekannte „Figuren“: ein Portrait von Bischof Hugo von Hohenlandenberg, Erbauer des neuen Schlosses zu Beginn des 16. Jahrhunderts, und an der Kasse des Museums Hanni, Klassenkameradin von der 3. bis zur 6. Klasse im Promenadenschulhaus.
Mein Bruder Urban machte mich auf die heutige Führung im Museum aufmerksam, meine Schwester Susanne kommt auch dazu. Erika Mock leitet die Veranstaltung. Bevor sie loslegt, öffnet sie extra für uns den Landenbergsaal. Er erinnert an Hugo und andere Arboner Grössen. Beim Rundgang im Museum machen 14 an Lokalgeschichte Interessierte mit. Er beginnt in der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, mit der „Arboner“ Dorfsiedlung von 3384 bis 3370 v. Chr. Archäologische Ausgrabungen zwischen 1993 und 1995 legten 30 Häuser einer wohl viel grösseren Siedlung frei, die heute Bleiche 3 genannt wird. Damals lag die Uferlinie ca. 800 m weiter landeinwärts als heute. Funde erzählen von Ernährungsgewohnheiten und lassen auf eine Art Fernhandel schliessen. 3370 fiel die Siedlung einer Brandkatastrophe zum Opfer. Sie gibt Zeugnis vom Übergang von der Pfyner Kultur zur Horgener Kultur. Eine weitere Dorfsiedlung, als Bleiche 1 bekannt, existierte um 2500 v. Chr. Experten finden einige Steinbeile, sonst ist wenig von dieser Ausgrabung bekannt. Bedeutender wird die Bleiche 2. Bei Entwässerungsarbeiten wurde 1944 ein frühbronzezeitliches Dorf aus der Zeit um 1600 v. Chr. entdeckt. Danach legte eine Grabungsequipe rund 3’000 Quadratmeter des Dorfes frei, eine erstaunlicher Fundmenge europäischer Bedeutung. Es muss u.a. Fern- und Tauschhandel gegeben haben, die Ufersiedlung Arbon lag verkehrsgünstig zwischen Rhein und Donau. Bleiche 2 + 3 stehen unter dem Schutz des UNESCO-Weltkulturerbes verschiedener prähistorischer Pfahlbauten. Heute liegen die Fundschichten von mehreren Metern Sediment überdeckt unter Parkplatz und Gebäuden gut geschützt im feuchten Untergrund.
Die Zeit der Römer beginnt 15. v. Chr. Drusus und Tiberius erobern mit ihren Soldaten Graubünden, das Rheintal und die Bodenseeregion. Der Osten des heutigen Thurgaus kommt zur Provinz Raetia. Im westlichen Teil beginnt die Provinz Germania superior. In Arbon entsteht eine kleine Handelssiedlung, ein vicus, an den Strassen Pfyn – Bregenz – Augsburg sowie Konstanz – Rheineck – Rheintal – Chur. Eine prosperierende Zeit während der Pax Romana bricht an, sie dauert bis zum Beginn des 3. Jahrhunderts. Die Römer bringen als Baumaterial den Mörtel mit, dazu Leder, Münzen u.a.m. Um 280 errichten sie auf dem heutigen Schlosshügel das Kastell Arbor felix, das mit 8 Wehrtürmen erst 1957 entdeckt wurde! Sein Umriss beträgt 350 m. Es schützt gegen vorrückende Alemannenstämme. Und erst 1986 (!) wird unter der Kirche St. Martin eine intakte römische, beheizbare Badeanlage gefunden. An diesem speziellen Ort direkt am Bodensee wurden im Lauf der Zeit 4 Kirchen gebaut: eine karolingische, eine romanische, eine spätgotische und die Ende des 18. Jahrhundert erstellte heutige Kirche.
Ab 400 ziehen sich die römischen Soldaten aus der Bodenseeregion zurück. Und wieder ändert sich die Welt. Alemannen übernehmen. Wir nennen die kommende Zeit frühes Mittelalter. In Arbon wird ab 1900 infolge Wohnbautätigkeiten auf dem Berglihügel – dort bin ich ab 1952 aufgewachsen – ein Gräberfeld freigelegt aus der Zeit von 580 bis 650. Die Art der Bestattungen weist auf romanische und alemannische Herkunft der Verstorbenen hin. Die wertvollste Grabbeilage ist eine Gürtelschnalle von 600, sie gehörte wohl einer zugewanderten Burgunderin. Im frühen Mittealter wächst Arbon. Die Bevölkerung ist gemischt und friedlich. Auch eine Christengemeinde existiert um 610. Das Patrozinium der karolingischen Kirche – St. Martin – weist auf fränkischen Einfluss hin. Wann genau die erste Kirche innerhalb des alten römischen Kastells erbaut wurde, ist nicht klar. Es könnte schon bei den Römern einen frühchristlichen Kultort gegeben haben, der seinerseits ein römisches Lager-Heiligtum ablöste. Das scheint mir logisch zu sein.
Erstmals wird eine Burg Arbon im Jahr 720 erwähnt, und zwar in der Sankt Galler Klostergeschichte von Ratbert. (Das Kloster Sankt Gallen tritt 719 mit Otmar ins Licht der Geschichte, es braucht nun dringend eine Gründungslegende – siehe den Essay Klosterlandschaft Bodensee.) Die Stadt Arbon wird um 700 Grundbesitz des noch jungen Bistums Konstanz. Bis 1798 regieren hier bischöfliche Obervögte. Ein neuer Schlossturm entstand um 1250 zusammen mit der Stadtmauer, um sich gegen Ansprüche des Klosters Sankt Gallen zu schützen. Etwas früher, 1138 bis 1165, war ein Hermann von Arbon Bischof in Konstanz. Etwas später, 1515 bis 1519, liess Bischof Hugo von Hohenlandenberg in seinem Besitz Arbon ein neues Schloss als Residenz errichten, er baute auch die Schlösser Meersburg und Markdorf.
Ein Wort zu Gallus darf hier nicht fehlen, Erika Mock erwähnt ihn als „Hybrid“ zwischen Geschichte und Legende. Ich ordne Gallus als Teil der Gründungslegende von Sankt Gallen ein. Die Jahre 610 bis 650 – erzählt werden die Ankunft von Gallus am Bodensee um 610 oder dessen Tod in Arbon um 650 – liegen historisch im Dunkeln. Von Gallus gibt es keine Klostergründung, keine Texte, keine Grabstätte, keine bekannten Anhänger und Nachfolger. Erst 719 gründet Otmar ein Kloster im Arboner Forst. Erst lange nach dem Tod von Gallus entstehen wundersame Legenden und Bilder, zum Beispiel jene wirkmächtige um 845 von Walahfrid Strabo im Kloster auf der Reichenau – eine typische literarische Form für „invention of tradition“, für erfundene Traditionen. (Was später in der Schweizer Geschichte auch auf Wilhelm Tell, auf die „bösen“ Habsburger und andere Figuren zutrifft.)
23. Oktober, 15.00 Uhr: Eigentlich unglaublich: drei Premieren durfte ich als 70-jähriger heute in Arbon, in meiner Geburtsstadt, erleben: den Besuch im Historischen Museum, den Aufstieg auf den Schlossturm mit toller Rundsicht, den Kastell-Umgang. Dabei war ich als Kind und Jugendlicher sehr oft im Schloss- und Kirchenbezirk engagiert – und hatte keine Ahnung von historischen Hintergründen. In der Rubrik Essay will ich mich darum Arbon mit seiner Geschichte sowie mit seiner unmittelbaren Zukunft noch etwas ausführlicher annähern. Hier fehlt ja u.a. die ganze Industriegeschichte zur Leinwand, zur Stickerei, zu den Maschinen und Lastwagen, zu Heine, Saurer’s, Johann Heinrich Mayr, Stoffel’s … zu sozialen Unruhen um 1900, zum roten Arbon, zum bürgerlichen Arbon usw.
23. Oktober, 15.36 Uhr: Unsere Bodensee-Umwanderung ist endgültig zu ENDE. Die S7 verlässt den Bahnhof Arbon bei bedecktem Himmel. Immerhin weint er nicht. Wir fahren ein letztes Mal dem Bodensee entlang bis Romanshorn. Von dort bringt uns der IC8 nach Bern. Im Zug lese ich im NZZ am Sonntag Magazin eine Reportage über das Projekt eines 250 Kilometer langen, zweiwöchigen Fernwanderweges durch die kurdische Region im Nordirak, provisorisch „Zagros Mountain Trail“ benannt. Dessen Vorbilder: Jakobsweg, Appalachian Trail, Pennine Way. Keine Erwähnung findet (noch?) MBBs-Bodensee-Trail.