„Dieser alte Mann hatte alles gesehen.
Und das machte ihn jung.“ (Arno Camenisch)
03. August, 14.45 Uhr: Ich schaue über den See, drehe mich um die eigene Achse. Rund um mich Wasser. Ich stehe auf der Hohentwiel, einem Schaufelraddampfer. Was ich sehe, bedeutet meine kleine Welt im Jahr 2022, jedenfalls im April, im Juli und im Oktober. Fast das ganze Projekt meiner Bodensee-Wanderung kommt mit diesen Augen-Blicken ins Sichtfeld: die Skyline von Arbon, Rorschach und Goldach, den Rorschacherberg, die Höchi, hinten der Alpstein mit Hohem Kasten, Altmann und Säntis. Daneben ragt klein der Speer auf, Hausberg unserer Mutter. Ich sehe bis Konstanz und Meersburg, dazwischen liegt der Überlingersee. Kann ich mit dem Feldstecher Bodman ausmachen? Der Bodanrück ist unübersehbar. Immenstaad und Friedrichshafen liegen halblinks zur Rechten. Dahinter der Gehrenberg, ein langer Hügelzug. Genau vor einer Woche wanderten Rosmarie, meine Schwester Susanne und ich von Friedrichshafen durchs Eriskircher Ried nach Langenargen. Nun erkenne ich Schloss Monfort, rechts Nonnenhorn, Wasserburg, die Stadtinsel Lindau. Der Pfänder grüsst ganz rechts von weitem, an seinem Fuss Bregenz. Dort starten wir am 10. Oktober zu Fuss zum dritten und letzten Teil der Bodensee-Wanderung. Mitten auf dem Bodensee sehe ich in meine Kindheit zurück. Gleichzeitig sehe ich Orte, die ich soeben besuchte. Und neben mir sitzen Urban, Kurt und Susanne. Wir haben keine Ahnung, wann nur wir vier Geschwister das letzte Mal etwas miteinander unternahmen. Vermutlich in unserer Kindheit… lang ist’s her. Susanne hält den historischen Moment in einem Selfie fest. Heute schenken sie mir und sich selbst ein einzigartiges, ein wunderschönes Erlebnis! Nächstens werden sie nach und nach ebenfalls 70-jährig.
03. August, 8.02: „Die Welt hatte sich verändert. Es war Januar, und ich stand auf der Terrasse meiner Wohnung und schaute über den See.“ Im Zug von Bern nach Arbon lese ich im neuen Text Die Welt von Arno Camenisch. Er beginnt im Januar 2022, der Ich-Erzähler wird bald 44. Das „Ich“ denkt an 2003 zurück, „es war das Jahr, in dem sich alles änderte.“ Zudem erzählt „Ich“ vom Sommer 2001 und später vom 9-11. „Ich“ war 2001 dreiundzwanzig, hungrig und wollte diese Welt sehen. Er flog nach Hong Kong, weiter nach Australien, war ohne Plan ein Jahr unterwegs, um den Kopf durchzulüften. Ein Zufall, dass ich gerade heute Camenisch lese, Rosmarie hat das Buch gestern aus der Bieler Bibliothek mitgebracht. Ein Zufall, dass der Autor, von dem ich alle Bücher über seine Welt in der Surselva gelesen habe, eine (seine ?) Zeitreise zwischen den Lebensjahren 23 und 44 buchstabiert. Die Welt erzählt vom Weggehen, vom Aufbrechen aus diversen Zwängen. Und ich fahre als 70-jähriger in meine Kindheit zurück, aus der ich als 14-jähriger aufgebrochen war. Weg von Zuhause … nach Appenzell, ins sich ab 1966 öffnende Internat bei den Kapuzinern.
03. August, 8.40 Uhr: Der Zug nähert sich Frauenfeld, der Hauptstadt des Thurgau. Im Norden, über dem Seerücken, schwebt ein Zeppelin, nein, gleich zwei mache ich aus. Sie erinnern mich an Friedrichshafen, an das Seeufer. Ich bin unterwegs nach Arbon. Meine Geschwister teilten mir mit, dass wir uns um 10.30 Uhr am Bahnhof treffen werden. Das Tages-Programm kenne ich nicht. Die S 7 wird pünktlich eintreffen. Von Romanshorn bis Arbon höre ich meine Mitpassagiere Ostschweizer Dialekt reden. Meine Muttersprache. Sie tönt bekannt und doch fremd. Rede ich tatsächlich auch so? Camenisch schreibt gerade von 2003, von der Hitze, vom Jahrhundertsommer. Damals kletterte ich aufs Rimpfischhorn, der Fels war schneefrei, auf den Gletschern floss das Wasser in Strömen zu Tal. Mit dieser Besteigung wurde ich Matterhorn tauglich, der Hörnligrat interessierte mich jedoch nicht. Ob der Sommer 2022 der neue Jahrhundertsommer wird? Wohl bloss eine Fussnote in der Statistik. Am Matterhorn jedenfalls steigt ohne Schnee und Eispartien die Steinschlaggefahr.
03. August, 13.30 Uhr: Die Hohentwiel verlässt den Arboner Hafen. Sie ist das einzige noch betriebene Dampfschiff auf dem See, ein Jugendstil-Dampfschiff mit Stapellauf 1913. In Romanshorn werden wir für die Rückfahrt auf das Motorschiff Österreich wechseln, die Stilkönigin des Art Déco von 1928, es gilt als Museums-Schiff. Unser Ausflug wird als „Zeitreise“ beschrieben, 3 Stunden dauern und zweimal eine grosse Schlaufe in den See legen. Auf dem Schiff bemerke ich vor allem Senior:innen, ok, ein paar Kinder fahren auch mit. Nach einer ersten Schlaufe hinaus und hinein Richtung Romanshorn holt uns die MS Österreich ein. Ein kurzer Pas de deux, ein Schiffsrennen der Oldtimer. „Wir“ sind schneller. Das Publikum will unterhalten werden, mit Champagner und belegtem Brot da, Kaffee und Kuchen dort. Wir Geschwister erzählen einander von früher. Kennst du den? Nein. Weisst du noch? Sicher. Unsere vier Zeitreisen weisen andere Etappenorte auf. Jede:r hat ein schönes Stück kleiner und grosser Welten erkundet. Jetzt, 2022, dürfen alle vier das aktive Alter geniessen, ein grosses Geschenk. Ans fragile Alter denke ich nicht, ans abhängige auch nicht, ans senile Alter gar nicht. Die drei anderen Stufen werden, vielleicht, kommen – eines Tages. „Eines Tages werden wir sterben“, sagt Charly Brown zu Snoopy. „Ja“, antwortet Snoopy, „aber an allen anderen Tagen nicht.“
03. August, 16.30 Uhr: Willkommen in Arbon, so begrüsst uns und das Schiff eine alte Tafel an der Hafeneinfahrt. Willkommen zurück in meiner Kindheit. Willkommen zurück am Startort und am Zielort meiner Bodensee-Wanderung 2022. Wir vier Geschwister schlecken noch Glacé auf der Seepromenade im Schatten, ganz nahe am Wasser der Arboner Bucht. Draussen zwischen Springbrunnen und einem Kunstwerk wird, so mein Wunsch, ein Teil meiner Asche in den Bodensee gestreut werden. Wenn meine persönliche Zeitreise die letzte Station erreicht haben wird. Und mein Leben quer durch die Welt eines Tages zu Ende gegangen sein wird. Jetzt, in der Gegenwart, heute Abend fahre ich nach Bern zurück. Mit Rosmarie freue ich mich auf weitere Reisen, Wanderungen, Velotouren, Exkursionen, Expeditionen , Zusatzschlaufen – falls sie möglich sein werden.
03. August, 19.30 Uhr: Der Zug fährt bei Olten vorbei. Ich habe Die Welt von Arno Camenisch soeben fertig gelesen. Darin mischen sich Zeitreisen und Erinnerungen. So heisst es auf Seite 38 von Hernandez, einem Matrosen aus Esmeraldas: „Seine Reisen über die Meere dieser Welt verliehen ihm diese Jugendlichkeit in den Augen. Ich mochte ihn. Dieser alte Mann hatte alles gesehen. Und das machte ihn jung. Und wenn er da sass vor seinem Laden, war er auf Reisen, als würde er denken, im Geiste sind wir frei.“