Fischer und Forscher:innen stellen im Bodensee
Millionen von Quagga-Muscheln und Stichlingen fest.
01. August, 15.00 Uhr: Mein Plan: zu Fuss den Bodensee umwandern. Im zweiten Teil, vom 17. bis 31. Juli, wollten wir auf der deutschen Seite von Konstanz um den Überlingersee herum via Überlingen und Meersburg bis Lindau gehen, eventuell sogar bis Bregenz. Wie es mit Plänen so geht, im Vorfeld scheint alles klar und einfach zu sein. Die Realität ist stärker – und anders.
Ab Mitte Juli ging ich in früheren Jahren z‘Berg, hie und da hoch hinauf auf Viertausender. Im Sommer 2022 sind Touren auf die Jungfrau, aufs Weissmies, auf Castor und Pollux nicht (mehr) möglich. Zu wenig Schnee, zu viel glattes Eis, zu viele offene Gletscherspalten. Bergsteigen wird komplizierter und gefährlicher. Fels- und Eisabbrüche drohen, Schneebrücken sind schon am Mittag viel zu weich. Ist eine Bodensee-Wanderung harmloser? Nicht in diesem Jahr. Auch im Flachland erleben wir eine Hitzewelle um die andere. Temperaturen steigen über 35 Grad, Niederschläge sind nicht in Sicht. Es wird gewarnt vor sportlichen Tätigkeiten draussen. So bauen wir am 24. und 25. Juli hitzefreie Ruhetage zuhause ein. Unsere Planung wurde zudem erschwert von ausgebuchten Hotels um den Bodensee. Ferienzeit, Urlaub machen manche Leute. Wir können nicht dort übernachten, wo wir Etappenorte vorsahen. Zum Glück gibt es im Juli das 9-Euro-Ticket der Deutschen Bahn. Damit können wir einige Strecken überbrücken. So schlafen wir in Überlingen wie Friedrichshafen mehrere Nächte. Und in Bregenz laufen die Festspiele, da fanden sich keine freien Hotelzimmer. Also wird Lindau Endstation von Teil II.
Am heissesten Tag, am 19. Juli, wandere ich nicht wie vorgesehen von Konstanz dem Bodanrück entlang nach Bodman. Auf diesen Streckenabschnitt habe ich mich zwar gefreut, aber die Hitze lässt die lange Wanderzeit nicht zu. Vernunft kommt vor Sturheit. Am 20. Juli kürzen wir ebenfalls ab. Mein Rhythmus wird in der Hitze ein ganz anderer. Immerhin haben wir mehr Zeit für Pausen, mehr Zeit zum Schreiben.
Genossen habe ich den 17. Juli in Konstanz. Am Geburtstag durfte ich gleich die meisten meiner Lieblingstätigkeiten ausleben: Zusammensein mit Familie und Freunden – Kontakt zu vier Enkelkinder – wandern bei der Stadtführung – kulturelle Entdeckungen „hinter den Kulissen“ – lesen von Hintergrundinfos – schreiben für die Webseite. Nur das Velofahren fehlte… „Nichts ist vollkommen“, wie eine Philosophin meint.
Quagga-Muscheln lassen Felchen verhungern
Ich höre Stimmen, die in meinem Onlinemagazin die Gegenwart vermissen. Also: Am 30. Juli war auf Radio SRF 2 Kultur das Wissenschaftsmagazin zu hören. Sein Thema: Der grosse Wandel der Schweizer Seen. Die Reportage von Christian Vonarburg erzählte vom Bodensee, von Quagga-Muscheln und Stichlingen. Fischer und Forscher:innen stellen fest, dass sich seit 2016 invasive Quagga-Muscheln, sie stammen aus dem Schwarzen Meer, explosionsartig vermehren und den See rasch zuwachsen. Sie fressen u.a. den Felchen das Plankton weg. Darum geht die Zahl gefischter Felchen stark zurück. Überhaupt verändere sich dadurch die Artenvielalt. Die bis 4 cm grossen Muscheln verstopfen auch Trinkwasserfassungen. Sie vermehren sich x millionenfach rasant bis in 180 m Tiefe und wachsen auch im Schlamm. Weil heute der Bodensee zu sauber ist, weist er in der Tiefe wenig Sauerstoff aus, schlechte Nährstoffwerte und zu wenig Phosphor. Neben den Quagga-Muscheln vermehrt sich der Dreistachelige Stichling, der ebenfalls Plankton fresse, ungeheuer stark. 80 bis 90 Prozent des Fischbestandes im See seien schon Stichlinge! Die Situation sei dramatisch, eine richtige Plage. „Die machen alles kaputt“, sagen Fischer. Der Fisch kann 6 bis 8 cm lang werden. Ein Fazit: Das Ökosystem im Bodensee wandle sich sehr schnell. Dazu sei das Oberflächenwasser um 1,5 Grad gestiegen. Keine guten Aussichten für Felchen und deren Konsument:innen. Auch die Zahl der Fischer werde am Bodensee rasch zurückgehen, junge gebe es keine. Was kommt auf den Bodensee zu? In den nächsten Tagen dürfte er wegen herrschender Trockenheit und kleiner Schneeschmelze den niedrigsten Wasserstand seit Messbeginn erreichen. Und sich weiter erwärmen. Quagga-Muscheln und Stichlinge ärgern sich darüber nicht, sie fressen und vermehren sich ungebremst weiter.
Weiter gehe ich mit Rosmarie am 10. Oktober ab Bregenz ungebremst auf Teil III der Bodensee-Wanderung.