Nach Wanderungen in der Sommerhitze
sind wir nun reif für die tolle Insel im See.
28. Juli, 10.30 Uhr: Der Bayerische Löwe begrüsst uns in voller Grösse bei der Hafeneinfahrt von Lindau auf der Insel. Rundherum fliesst Wasser. Lindau im Bodensee – drei Worte stehen für unendlich viele Geschichten der Insel- und Gartenstadt. Bis ins 9. Jahrhundert lassen sich Erzählungen und Spuren zurückverfolgen (mehr in der Rubrik Orte). Dank warmem Sonnenschein und zahlreichen sommerlich gestimmten Ausflügler:innen fühlen wir uns eher am Mittel- als am Schwäbischen Meer. Auf dem Touristenbüro frage ich interessiert nach historischen Unterlagen – und bekomme einen „alten“ Stadtführer von 2016 geschenkt. Der neue liegt noch nicht vor. Wir unternehmen mit dem Buch in der Hand einen Spaziergang rund um die Insel an 21 Sehenswürdigkeiten vorbei und mitten durch grosse, erholsame Stadtgärten hindurch. Und wir schauen immer wieder hinüber und hinauf zum Pfänder ob Bregenz. Dort wird Teil III der Bodensee-Wanderung am 10. Oktober 2022 starten.
Rosmarie macht vom Lindaviabrunnen Fotos. Lindavia gilt als Stadtgöttin und Beschützerin, sie hält einen Lindenzweig in der Hand. Die vier Beckenfiguren symbolisieren Schifffahrt, Fischerei, Wein- sowie Ackerbau. Der Lindenbaum prägt auch das Stadtwappen. Die Gerberschanze am See mit ihrem Gässchen erhielt den Namen von der hier arbeitenden Gerberzunft, entlang des Sees legten die Gerber:innen ihre Felle zum Trocknen aus. Nach einer prächtigen Gartenanlage können wir auf dem Nobelpreisträger:innensteg über dem Wasser meditieren und grossartige Leistungen der Wissenschaften anerkennen. Seit 1951 treffen sich in Lindau ausgezeichnete Fachleute zu ihrer jährlichen Tagung. Die seit 1528 reformierte Kirche St. Stephan, erbaut im 12. Jahrhundert in romanischem Stil und um 1780 im Stil des Spätbarocks umgestaltet, betreten wir um 12 Uhr. Gerade beginnt eine „Mittagsinsel“ mit Wort und Musik. Wir lassen „an unserer Seele kratzen“ und die Ohren mit Gitarren- und Querflötenklängen verwöhnen. Unsere Augen werden nebenan – zwei Konfessionen, zwei Kulturen – im katholischen Münster „Unserer lieben Frau“ verzaubert. Dessen Ursprünge reichen bis ins Jahr 810 zurück. Aus dem einstmaligen Benediktinerinnenkloster wurde später für eine Epoche von 1000 Jahren die Kirche des Kanonissenstifts, ein reichsfürstliches, freiweltliches Frauenstift. Der heutige Bau ist nach dem Stadtbrand von 1728 zwischen 1748 und 1752 im Stil des Barock neu errichtet worden. Auf dem Paradiesplatz servieren uns – nein, nicht Adam und Eva – aufgestellte Mitarbeiter:innen eines Restaurants ein feines Mittagessen, dazu trinke ich bayerisches Bier (wer zu viel davon trinkt, wird höchstens weiss-blau). Neben dem Paradies(platz) duckt sich mitten in der Altstadt der massige Bau der Peterskirche. Sie zählt mit über 1‘000 Jahren Geschichte zu den ältesten Bauwerken im Bodenseeraum. Heute ist sie eine Kriegsgedächtnisstätte. Wertvoll sind an einer Innenwand zudem Fresken der „Lindauer Passion“, sie werden Hans Holbein dem Älteren (1465 bis 1524) zugeschrieben.
Die 20. und letzte Etappe von Teil II unserer Bodensee-Wanderung, gestartet in Konstanz am 17. Juli, findet in Lindau im Bodensee einen würdigen Abschluss mitten im pulsierenden Strom von Kinderwagen, E-Bikes, Hunden, schwimmenden, sonnenbadenden und spazierenden Menschen jeglichen Alters. Und solchen, die in einem der unzähligen Cafés oder Restaurants sitzen und plaudern.
Auf der Rückfahrt nach Friedrichshafen ins Stammhotel für drei Nächte geniessen wir in der RB 93 – der kurze Triebwagen war mitten im Sommer als Solist (!) unterwegs – das Leben in vollen Zügen. Morgen werden wir mit der Personen-, Velo- und Autofähre über den See nach Romanshorn schippern. Und mit den im Vergleich mit der DB sehr pünktlichen SBB wieder zurück nach Bern fahren.