Wegstücke, gesehen aus dem Fenster,
vertreiben rasch Gewitter und Gespenster.
23. Juli, 9.47 Uhr: In Überlingen regnet es seit letzter Nacht bis in den Morgen hinein. Manchmal blitzt und donnert es. Der Tag verspricht für Leute, die zu Fuss unterwegs sind, nicht gerade das Schönste vom Himmel (für Wiesen, Gärten, Bäche, Felder und Wälder aber schon). Kein Vergleich passt zum Himmel von gestern in der Birnauer Rokokobasilika. Was unternehmen wir also? Ein Nachtlager am Samstag und Sonntag konnten wir zum Voraus nicht reservieren. Viel zu viele Tourist:innen machen im Juli am süddeutschen Ufer des Bodensee Urlaub und blockieren den Nur-zu-Fuss-Vorbeiziehenden die Betten. Der See mit seinem Umfeld gehört richtig zahlenden Sommergästen in beinahe unendlicher Zahl. Und aufs Gerate-wohl „will ich ganz klar nicht wandern / von einem Ort zum andern“ – und nachts im Wurfzelt auf einer Wiese campieren und Gespenstern begegnen. Nein und nochmals nein! Mit welcher Fortbewegung auch immer, nach der heutigen Etappe, so beschliessen wir entschlossen, fahren wir nach Bern zurück. Dort können wir retablieren, um ausnahmsweise einen militärischen Ausdruck zu verwenden. Der Fahrplan auf der SBB-App zeigt eine rasche Zug-Verbindung von Überlingen via Friedrichshafen und Romanshorn nach Bern an. Wir packen die Rucksäcke, gehen zügigen Schrittes zum nahen Bahnhof. Hier heisst es auf der Anzeigetafel: Ausfall. Der Bahnhof in Friedrichshafen Hafen kann nicht angefahren werden. Aber in wenigen Minuten gäbe es eine Verbindung via Radolfszell und Konstanz in den Thurgau. Ich kenne einen Teil der Strecke. Mit einem Dutzend weiterer Passagiere warten wir. Und warten. Und warten. Der Zug kommt nicht, einige sind genervt und leicht verzweifelt. Information gibt es nicht, nur der Zug wird aus der Anzeigetafel gestrichen… Es gäbe auch eine Busverbindung nach Friedrichshafen, fast alles dem schönen Bodensee entlang. Sollen wir sie benutzen und gleich (wieder) eine Etappe im ÖV abfahren, statt sie zu Fuss ablaufen? Da rauscht durch den eingleisigen Bahnhof ein Schnellzug, natürlich ohne Halt in der berühmten Stadt Überlingen. Achtung: die Anzeigetafel meldet nun in 15 Minuten einen Zug nach Radolfszell sowie in 20 Minuten einen nach Friedrichshafen. Werden die beiden tatsächlich vor dem Nikolaus-Tag am 6. Dezember eintreffen? (Nikolaus ist der Patron des Münsters hier). In der Zeitung lasen wir, dass der DB, der Deutschen Bahn, die Gäste davonlaufen (wahrscheinlich aber nicht zu Fuss…). Nicht erstaunlich. Den beiden normalerweise zu Fuss gehenden Menschen sind ihre Nerven davongelaufen. Ruhig atmen?! Gerade jetzt fährt „der Radolfzeller“ ein, mit 20 Minuten Verspätung – anschliessend wie weiter? Wir steigen mutig zum nahen Busbahnhof hoch, gleich soll der Bus nach Friedrichshafen kommen. Er kommt pünktlich. Die geplante Etappe 17 ist halbwegs gerettet, jedenfalls deren Streckenverlauf.
Den regnerischen Tag verbringen wir in der nächsten Stunde im Bus, der sich je nach Haltestelle füllt und leert. Rechts liegt der Bodensee. Rechts liegt die Birnauer Rokokokirche, ein schönes Bild für ein paar Sekunden. Heute rast auch „unser“ Automobil Lärm verursachend an der ehrwürdigen Anlage vorbei. Maria grüsst zum See, nicht zur Strasse… In Unteruhldingen könnten wir – wie die zahlreichen Familien – aus dem Bus aussteigen und uns über Pfahlbauten informieren. (Hier war ich als Schüler der 4. Klasse auf Schulreise, mit einem Zels-Motorboot aus Arbon, unvergessen. Ich will die Erinnerungen nicht stören.) Links und rechts liegen bei Hagnau Weinberge. Wie kommentieren wohl die Trauben den brummenden Verkehr? Im Bus folgt die Durchfahrt durch Meersburg, der Stadt wollen Rosmarie und ich nächste Woche einen Besuch abstatten und davon berichten. Erst nach dem Retablieren. Hinter Meersburg haben wir Zeit, die Strecke aus dem Fenster zu geniessen, wir sind im Schritttempo unterwegs. Ich sehe in den Thurgau hinüber, mein Herz freut sich. In Friedrichshafen Hafen regnet es noch immer oder schon wieder. Gut 25 Kilometer liegen hinter uns, umgerechnet ein Tagesmarsch.
Wir kommen wieder in die Gegend, um neben dem historisch bedeutenden Meersburg auch das modere Friedrichshafen genauer zu studieren. Zu Fuss, ist doch sonnenklar!