Etappe 14 auf dem SeeGang

6000 Jahre Kulturgeschichte im See
oder Lust auf ein dunkles Weizenbier

20. Juli, 10.10 Uhr: Endlich! Endlich kommen die Wanderschuhe wieder auf ihre Rechnung. Obwohl nochmals ein heisser Tag angesagt wird und abends Gewitter aufziehen sollen, wagen wir die Fortsetzung unserer Wanderung um den Bodensee. Bodman ist jedoch nicht Ausgangspunkt. Zwei Stunden wandern schenken wir uns, der Hitze geschuldet. Der Weg bis Sipplingen wäre um das Westende des Bodensees herum voll in der Sonne verlaufen. So lassen wir uns vom Bus bis Ludwigshafen bewegen und von der S-Bahn bis Sipplingen. Dem 9-Euro-Ticket sei Dank! Dafür verpassen wir zwei sechstausend Jahre alte Kulthäuser – oder was davon übrig blieb. Sie standen in Pfahlbausiedlungen in Ludwigshafen und bei Sipplingen. Archäologen entdeckten unzählige Einzelstückchen zwischen 1990 bis 1992 auf dem Seegrund. Barbara Hutzl-Ronge beschreibt in ihrem Buch „Magischer Bodensee“, was es über Kultbauten zu erzählen gibt. Schon Menschen in der sogenannten Steinzeit haben hart und innovativ gearbeitet. Aus dem Jahr 3861 v. Chr. stammt laut Bestimmung ein Holzpfosten der Siedlung im Wasser. Zudem fanden Archäologen Wandstücke, die wie weibliche Brüste geformt waren. Rekonstruierte Gestalten haben Ähnlichkeiten mit jüngeren Dolmengöttinen bei Paris, in der Bretagne und von Lutry am Genfersee. Darum werden die Funde in Ludwigshafen als „Busenhaus“ identifiziert, wohl einer Muttergöttin gewidmet oder Frauen in Gebärhaltung, bei denen es um Mutterschaft geht. In der Uferzone von Sipplingen können im Lauf der Zeit an die zwanzig Pfahlbausiedlungen ausgemacht werden, der grösste Pfahlbaukomplex am Bodensee! In der Siedlung von Arbon-Bleiche wurden zudem die schönsten Funde von Bukranien gemacht. Es braucht noch viel Forschungsarbeit zu diesen Themen aus alten Zeiten.

Wir steigen in Sipplingen aus dem Zug und direkt auf den Zugangsweg ab Bahnhof durchs Dorf hinauf zum SeeGang in der Höhe. Oben am Sipplinger Berg befindet sich eine Einrichtung der Bodensee-Wasserversorgung. Das abgezapfte Wasser wird als reinstes Trinkwasser von hier bis in die Region Stuttgart geleitet! Auf dem Torkelbühl erwartet uns eine grossartige Aussicht über den Bodensee inklusive Überlingersee, auch wenn es heute diesig ist. An klaren Tagen, so erzählt uns ein Einheimischer, zu dem wir uns auf dem Bänkli gesellen, sieht man bis zum Trio Eiger – Mönch – Jungfrau und zur Blüemlisalp, auch zur Zugspitze und in die Vorarlberger Berge. Selbstverständlich würde man hier oben auch zum Alpstein sehen. Weiter unten kommen wir am Schloss Spetzgart vorbei, es gehört zum berühmten Eliteinternat Salem und beinhaltet kein Restaurant für durstige Wandersleute. Dafür geniessen wir den Schatten hinab ins Spetzgarter Tobel. Auf dem letzten weiten Aussichtspunkt auf dem tollen Premiumweg SeeGang – er nennt sich Eglisbohl – trinken wir das letzte Wasser aus dem Rucksack. Bald empfängt uns die Hitze auf 400 m über Meer. Zielgerichtet peilen wir ein Restaurant mit Tischen am Seeufer von Überlingen an: Bier im grossen Glas und eine kühlende Glacé müssen jetzt sein. Und die Tourismusindustrie hat uns wieder nach einem einsamen Tag unterwegs mit schönsten Ausblicken auf Überlingersee und Obersee sowie auf den langgezogenen Bodanrück gegenüber. Gestern habe ich den Premiumweg dort drüben ausgelassen. Heute weichen im Hotel Wanderschuhe wieder von unseren müden Füssen. Endlich!

PS: Das Gewitter beginnt in Überlingen um 19.05 Uhr. Rund um den See läuft die Sturmwarnung bis in den späten Abend hinein.

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