Menschen denken
Hitzewellen lenken
19. Juli, 12.06 Uhr: Bus 105 fährt um 12.06 auf der anderen Strassenseite ab – ich hingegen stehe bei der richtigen Haltestelle gegenüber, direkt bei Fahrplan und Wartehäuschen. Als ich aus der S-Bahn in Ludwigshafen (Bodensee) stieg, ist der Bus im Schatten weder angeschrieben noch mit Chauffeur besetzt. Für mich ein klarer Fall. Doch was zählt meine naive Vorstellung? Eben. Der nächste Bus nach Bodman kommt in einer Stunde. Was tun? Weit und breit kein Restaurant. Endlich gibt’s Proviant aus dem Rucksack.
Die 13. Etappe wird immer surrealer. Ist die 13 nicht eine … stopp. Gestern noch wollte ich heute ab Konstanz-Wallhausen ca. 17 km nach Bodman wandern. Vorgestern dachte ich sogar, das ganze Wegstück von Konstanz (Bahnhof) nach Bodman zu Fuss zu gehen, rund 35 km. Die Route von Konstanz nach Überlingen gilt nämlich als zertifizierter (!) Premiumwanderweg. Sein Name: SeeGang. Ich habe mir den SeeGang auf Papier ausgedruckt, inklusive detaillierter Erklärungen. Laut Beschrieb ein wunderschöner Weg dem Überlingersee entlang, viel im Wald, viel auf und ab, manchmal direkt am Wasser. Weil Rosmarie heute nicht mitwandert – sie fuhr heute Morgen früh nach Bern zur Beerdigung eines Freundes und vertritt auch mich – wollte ich in sportlichem Tempo unterwegs sein. Doch der 19. Juli verspricht Rekord verdächtige Temperaturen weit über 33 Grad. Soll ich bei dieser Hitze während Stunden einen voll bepackten Rucksack über den Bodanrück schleppen? Eine rhetorische Frage für einen 70-jährigen. Und dennoch: mit dem 9-Euro-Ticket für den Monat Juli im Sack kommt mir die Wegstrecke von Konstanz via Radolfszell nach Ludwigshafen im ÖV komisch vor. Innerlich bin ich hässig. Vom Zug aus sehe ich Orte, Kirchen und die Reichenau in der Bodenseelandschaft, die wir vor drei Monaten zu Fuss besuchten. Jetzt rauschen sie unerbittlich rasch vorbei. Augen und Seele kommen nicht nach mit Schauen und Erinnern. Eine surreale Situation, ich wiederhole mich. Das mag ich überhaupt nicht. Dazu fährt Bus 105 erst noch auf der „falschen“ (Schatten-)Seite vor meiner Nase ab. Frechheit? Dummheit? Halt zu Fuss nach Bodman? Wieder rhetorisch gefragt. Nie rückwärts, stets vorwärts um den See im Uhrzeigersinn. Dazu kommt, dass wir morgen Mittwoch wahrscheinlich von Bodman via Ludwigshafen auf dem SeeGang nach Überlingen weiterziehen – falls die Temperatur weniger anzeigen sollte als heute. Der Entscheid wird morgen früh fallen – oder bereits heute Abend spät?
Der Bus, der um 13.01 ab Ludwigshafen fährt, hält auf der richtigen Strassenseite. Schnell steige ich ein und komme erst noch via Stockach zu einer unerwarteten Zusatzschlaufe im Landesinnern. Um 13.40 erreiche ich, jetzt entspannt, meinen heutigen Zielort: Bodman, Namensgeberin für den Bodensee. Warum das so ist, kann in der Rubrik Orte nachgelesen werden. Aktuell zählt Bodman 1500 Einwohner:innen und ist Ortsteil der Gemeinde Bodman-Ludwigshafen. Unser Gasthaus liegt neben Bushaltestelle und Hafen direkt am See. Tourismus bestimmt den Alltag. Hierhin wollte ich seit längerer Zeit einmal kommen. Jetzt ist es eine Première. Heute Morgen aufgestanden in der grössten Stadt am See, die ihm Namen wie Lac de Constance, Lago di Costanza oder Lake of Constance verlieh. Heute Nacht zu Bett gehen in einer kleinen Gemeinde mit grosser Geschichte. Bodman am Bodensee, ganz im Westen jenes Teils, der Überlingersee genannt wird. Und morgen gehen wir, versprochen, bis Überlingen.