Etappe 12a: Teil II beginnt mit einem Fest

So zog er durch seine Zeit wie ein Schiff von unerhörter Neuheit,
das die Beobachter:innen für eine alte Galeere hielten. (Roberto Calasso)

17. Juli, 11.50 Uhr. Es ist so weit. Zwanzig geladene Gäste sind nach Konstanz gekommen. Eine Freundin kommt „nur schnell“ zum Gratulieren vorbei, mit drei Kindern unternimmt sie gleich eine Seerundfahrt. Keine und keiner der 20 trägt Wanderschuhe an den Füssen. Ich brauche sie ebenfalls erst morgen. Heute feiern sie mit mir meinen 70. Geburtstag: Gratulation um Gratulation, Umarmung um Umarmung, Geschenk um Geschenk. Alles für mich. DANKE SCHÖN! Ich bin gerührt. Die Festgesellschaft trifft sich am Hafen im Restaurant „Konzil“, ein historisches Gebäude. Hier fand am 11. November 1417 die einzige Papstwahl jenseits der Alpen (von Rom aus gesehen) statt, gewählt wurde Martin V. Jetzt stand bloss die Wahl des Menus auf dem Programm. Als Getränke finden an diesem heissen Sonntag mitten in der Hitzewelle Bier und Mineralwasser am meisten Anklang. Unsere vier Enkelkinder sind da, zwei unserer erwachsenen Kinder mit Partner:in, meine drei Geschwister mit Partnerinnen sowie sieben langjährige Freundinnen und Freunde. Zudem Rosmarie und ich als Gastgeber:in. Mit Blick auf den Hafen und dessen Ferienbetrieb gibt es viel zu erzählen und zu hören. Von alten Zeiten, von schönen Erinnerungen, von anstehenden Projekten der Pensionierten, von der Gegenwart mit Kindern und Grosskindern. Manuel wurde gestern 5-jährig, Sarah ist bald zweieinhalb. Noémi und Cédric spielen mit ihren zehneinhalb und achteinviertel Jahren bereits in einer höheren Liga. Zwischendurch erklingt ein „Happy birthday“, die Zahl 70 leuchtet auf einem Kuchenstück auf. Sie verglüht rasch, ein gutes Zeichen.

Bei Konstanz Tourismus habe ich für meine Festgesellschaft eine spezielle Stadtführung gebucht. Nadine Büttner führt uns in 100 Minuten durch Feuergassen und Hinterhöfe, zu Wuostgräben und anderen „stillen Örtchen“. Wir erhalten einen kleinen Einblick in das heute verborgene Leben des Mittelalters. Feuergassen bildeten Fluchtwege bei Bränden. Sie dienten mit ihrem leichten Gefälle zur Abwasserentsorgung. Da konnte man wortwörtlich in der Scheisse stehen. Wir erfahren, dass die Römer mit Urin gewaschen haben. Kaiser Vespasian liess dieses Abfallprodukt gar zu Geld machen (pecunia non olet, sagte er seinem Sohn). Gerber und Färber haben mit Urin Leder blau gefärbt. Weil sie zuvor viel Bier trinken mussten, machten sie am Montag blau. Feuergassen mussten nachts jeweils gesäubert, ausgeschafft werden, das war die Aufgabe von Nachtmeistern, einem ehrlosen Berufsstand. Auch Privatpersonen halfen beim Aufräumen mit, indem sie ihre Schweine Müll fressen liessen. Das Sprichwort dazu: die Sau rauslassen. Wir erfahren, dass der Bodensee im Mittelalter bis an die Hohenhausgasse reichte und erst mit der Zeit aufgeschüttet wurde, um den Stadtboden teilweise dank Abfall zu vergrössern. Wir erfahren, dass am Münster über 1000 Jahre gebaut und umgebaut wurde. Noch eine Zahl: zu Beginn des 15. Jahrhunderts zählte Konstanz rund 6‘000 Einwohner:innen. Während des Konzils von 1414 bis 1418 strömten rund 15‘000 bis 20‘000 Gäste in die Stadt. Wohin mit all dem Abfall? In den Seerhein! Von der St. Lorenzenkirche mit angeschlossenem Beinhaus sehen wir nur noch, aber immerhin einen kleinen (eingebauten) Mauerrest, heute steht u. a. ein Geschäft für Brautmode am gleichen Ort. Der kurze Spaziergang hinter die Kulissen einer Stadt gefällt sogar den grösseren Enkelkindern. Sie sind es, die an vorderster Front mit der Stadtführerin mitgehen und Interesse zeigen. Konstanz hat manches zu bieten. Rosmarie und ich werden morgen nochmals einen Tag in der ehemaligen Bischofs- und Konzilsstadt verbringen.

 

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