Je ne suis qu’un piéton,
rien de plus. (Arthur Rimbaud)
30. April, 10.30 Uhr: „Steh auf und geh!“, hörte ich am Ostermorgen eine innere Stimme flüstern. Ich sass mit Rosmarie am Bodensee in Arbon, dem Ort meiner Geburt und Jugend im Oberthurgau – und stand auf. Wanderschuhe und Rucksäcke begleiteten uns ab 17. April unauffällig über Stock und Stein, nie murrten sie. Nun stehen wir am 14. Tag der Wanderung auf der Insel Reichenau in Mittelzell. Ich sehe im Osten die Skyline von Konstanz, ich schaue südwärts zum Seerücken im Thurgau und finde im Westen am Horizont die Höri mit der weitherum sichtbaren Kapelle St. Veit. Im Norden liegt Allensbach. Archäolog:innen gruben dort 2020 eine frühneuzeitliche Hinrichtungsstätte aus. Mit dem Tod jenseits des Gnadensees (!) konnte die Insel-Gerichtsbarkeit Menschen bestrafen, denen sie Verbrechen zur Last legte. Allensbach liessen wir vorgestern links liegen, indem wir ab Radolfszell mit dem Schiff die Reichenau erreichten.
Die Stille auf der Klosterinsel mit ihren alten Gemäuern benutze ich für eine Zwischenbilanz. Dabei negiere ich den ständigen Autoverkehr von Einheimischen wie Gästen auf der einzigen Hauptstrasse. Die Massen von Radfahrer:innen lassen sich hingegen einfacher übersehen. Schön, dass die Reichenau manche Leute bis heute zu faszinieren vermag. Schliesslich gelten deren Kirchen und Klöster seit dem Jahr 2000 als Weltkulturerbe. Die Routen, die ich für „meinen“ Bodenseerundweg ab Arbon wählte, waren nicht sehr bevölkert. Ohne zu übertreiben müsste ich schreiben: fast niemand war dort unterwegs, wo Rosmarie und ich (mit vier Tagesgästen) wanderten. Es gab wenige Plätze, auf denen sich mehrere Menschen gleichzeitig aufhielten: die Seepromenade zwischen Goldach und Rorschach am Ostersonntag, der fantastische Aussichtspunkt auf dem Fünfländerblick hoch über dem See und vor dem Alpstein am Ostermontag, Schloss Arenenberg am Untersee. Ist meine subjektive Beobachtung ein Kompliment an die Ruhe ausstrahlende wiesen- und waldgrüne Welt der Ostschweiz? Oder schwingt ein leises Bedauern mit, dass die Region Bodensee, die wir bisher besuchten, abseits grosser Touristenströme vor sich hin meditiert? Wollen die Einheimischen gar nicht angeschlossen sein an ein starkes Netz von Wirtschaft und städtischer Betriebsamkeit? Eine Antwort darauf könnte die Ablehnung der EXPO27 sein. In den Kantonen Sankt Gallen und Thurgau wurden bereits Planungskredite für dieses Projekt grossmehrheitlich abgelehnt. Das starke NEIN zur EXPO2027 unter dem Titel „EXPEDITION27. Drei Landschaften. Zwei Welten. Ein Abenteuer“ macht klar: die Bodenseeregion (auf Schweizer Seite) schätzt den Dornröschenschlaf. Expeditionen (ins Unbekannte) werden anderen überlassen. Der Thurgau will wohl weiterhin eine grün-silbrige Randexistenz bleiben und die zwei goldenen Löwen im Kantonswappen schön still und zahm halten. Meine Sankt-Galler Frau und Wanderbegleiterin – sie schwärmt vom Weltkulturerbe Sankt Gallen! – würde sagen: „Typisch für Kulturbanausen.“ Und dann lässt Arbon seine Welterbestätte im Kontext der prähistorischen Pfahlbausiedlungen durch einen Parkplatz zubetonieren…
Wir sind seit 14 Tagen als Fussgänger:in unterwegs. Okay, zwei regnerische Tage haben wir zum Ausruhen benutzt. Aber täglich konnten Sie seither Texte lesen und Fotos sehen im Zusammenhang mit (grossräumigem) Wandern um den Bodensee 2022.
Es geht ab 17. Juli weiter mit Teil II. Wir gehen im Sommer weiter. Von Konstanz zuerst nach Bodman zur ehemaligen Königspfalz der Karolinger. Diese nannten um 750 den See „Bodensee“.