Etappe 11 durch die Insel Reichenau

Guten Tag, wie geht es dir hier?
Wo Markus auf Markus trifft.

29. April, 10.00 Uhr. „Stabilitas loci“ ist für Benediktiner:innen eine zentrale Tugend. Wir übernehmen sie heute. Für einige Stunden. Wir bleiben von gestern Abend bis morgen früh am gleichen Ort stabil, auf der Klosterinsel Reichenau, zwischen Untersee, Zellersee und Gnadensee gelegen. Bis 1830 war die Insel tatsächlich eine Insel, überall von Wasser umgeben. Dann wurde ein Damm aufgeschüttet und eine Landverbindung hergestellt. Um das Inselfeeling zu spüren, kamen wir gestern mit dem Schiff von Radolfszell hierher. Seit 2000 gehört die Reichenau, die reiche Au, zur Liste der UNESCO-Welterbestätten. Ihre Geschichte reicht ins 8. Jahrhundert zurück und ist geprägt von wechselvollen Epochen. Drei historische Kirchenanlagen stehen auf unserem Programm, drei moderne Museen mit Hintergrundinformationen Natürlich könnte ich mich mit aktuellen Themen beschäftigen: mit dem Anbau von Reben und der Verarbeitung von Trauben zu Wein – mit der Fischerei (im See schwimmen 35 Fischarten) – mit dem Gemüseanbau. Jedoch bin ich da wegen der Klöster und der alten Mönche. (Mehr zu Legenden und Geschichten in der Rubrik „Orte“.)

Das Museum Reichenau umfasst zwei Abteilungen: eine für Handwerk, Wohnalltag, Schule und Nationalsozialismus. Wir erfahren ebenfalls, dass vor dem Zweiten Weltkrieg behinderte „unwerte“ Menschen der Region getötet wurden als „Übergang“ zum Vergasen vieler Juden. Traurige Ereignisse, die der Bevölkerung lange verborgen blieben.

Die zweite Abteilung widmet sich dem Klosterleben. Die Buchkultur entwickelte sich auf der Insel zur Hochkultur. Das langsame kunstvolle Schreiben und Malen von Hand im Scriptorium, in der Schreibstube, wird dokumentiert sowie der berühmte, hier angefertigte Sankt-Galler-Klosterplan von 825. (Heute sitze ich in einem Hotelzimmer am Laptop. Notizen, Blog und Fotos kommen schnell ins Internet.) Im Museum sind wir allein, gregorianischer Choral erklingt aus Lautsprechern – eine Stimmung fast wie im Kloster.

Das Münster St. Maria und Markus – Festtage auf der Reichenau sind der 15. August und der 25. April – wurde ab 740 innerhalb einer hölzernen Klosteranlage gebaut und von den Karolingern gefördert. In der mehrmals erweiterten Anlage treffe ich den Evangelisten Markus, meinen Namenspatron. Hier in Mittelzell grüsst mich seine Statue vor der Kirche. Im Innenraum steht ein Markus-Schrein. „Markus“ kam im 9. Jahrhundert inkognito auf die Reichenau, mitgebracht von Ratold / Ratoldus / Radolf aus Verona (vgl. Blog 28. April und Radolfszell unter „Orte“). Der Schrein soll die Gebeine des Evangelisten enthalten… Das ist nicht alles: in der Oberzellerkirche St. Georg befinde sich – so wird erzählt – als Reliquie der Kopf des heiligen Georg (der mit dem Drachen, Sie wissen schon). Den Kopf brachte 896 Abt Hatto III. aus Rom mit, als Schenkung von Papst Formosus. Hatto war nicht nur Abt der Reichenau, sondern auch Erzbischof von Mainz und Begleiter von König Arnulf, der in Rom vom Papst zum Kaiser gekrönt wurde. Für das Haupt des Georg „musste“ auf der Reichenau eine Kirche erbaut und mit weltberühmten Fresken ausgestattet werden, mit einem Bilderzyklus aus dem Jahr 1000 über Wunder Jesu. Weil Georg gemäss Legende aus dem Osten, aus der Türkei, stammte, steht die Kirche St. Georg im Osten der Insel Reichenau – mit freiem Blick ostwärts. Zusammenhänge!

Die dritte Kirche, St. Peter und Paul in Niederzell im Westen der Insel, soll auf Bischof Egino zurückgehen. Dieser war vor Ratold in Verona tätig, kehrte als Pensionierter auf die Reichenau zurück und brauchte einen Alterssitz. Was lag näher, als ab 799 selbstverständlich eine Kirche zu bauen. Sie wurde im 10./11.Jahrhundert vergrössert und weist zwei Türme auf, wohl je einen für Petrus und Paulus. Als dann Ratold aus Verona zurückkam, erhielt er auf der Insel keinen Platz (zu viele Hochwürden würden streiten, hiess es), ihm wurde ein Grundstück weit weg beim späteren „Radolfszell“ geschenkt.

Morgen Vormittag wird bereits fertig sein mit benediktinischer „stabilitas loci“. Als gewöhnliches Fussvolk brechen wir nach Konstanz auf. Die alte Bischofsstadt ab ca. 600, die Konzilsstadt von 1414 bis 1418, die heute grösste Stadt am Lac de Constance wird Mitte Juli Startort sein zu Teil II des Wanderns um den Bodensee. Auf der Insel Reichenau folgt noch die Gelegenheit für eine erste Zwischenbilanz von Teil I ab Arbon bis hierher.

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