Etappe 9 von Stein am Rhein nach Gaienhofen

Scheue dich nicht, langsam voranzugehen.
Aber hüte dich, stehen zu bleiben.

27. April, 10.00 Uhr. Kurz nach der Rheinbrücke beim ehemaligen Kloster St. Georgen in Stein am Rhein macht der Wanderweg um den Bodensee eine scharfe Wendung. Wir gehen nun gegen die Strömung seeaufwärts. Und nach wenigen Metern verlassen wir die Schweiz über die grüne Grenze. Ohne Kontrolle unserer auffälligen Rucksäcke, einfach so, sind wir in Deutschland, im Bundesland Baden-Württemberg. Niemand stoppt uns, niemand befragt uns nach Ziel und Absicht. Selbst das Vaterland (?), das Mutterland (?), das Heimatland (?) lässt uns problem- und schmerzlos ziehen. Wer sollte uns vermissen, da fast jeder unserer Schritte öffentlich protokolliert wird? Vielleicht unsere vier Enkelkinder.

In Kattenhorn wandern wir an der St. Blasius-Kapelle vorbei. Während der Reformation, so berichtet die Legende, zerstörten Neugläubige im Bildersturm von Mammern katholische Bilder und Statuen. Eine Holzstatue aber, jene des Heiligen Blasius, schwamm, nachdem sie ins Wasser geworfen wurde, aufrecht über den Untersee nach Kattenhorn. Dort errichteten ihr die katholischen Einwohner 1520 eine neue Kapelle. In den 1950er-Jahren wurde für die vom Krieg vertriebenen evangelischen Neuzuzüger:innen die Petruskirche erbaut. Otto Dix zeichnete die Entwürfe für die Glasfenster. Das Museum Haus Dix in Hemmenhofen – hier wohnte der berühmte Maler von 1936 bis zu seinem Tod 1969 mit seiner Familie – ist Ziel unserer Tagesetappe. In manchen Museen sind wir seinen Bildern schon begegnet. Am Untersee, weit weg von seiner Tätigkeit an der Kunstakademie Dresden, fand der gebürtige Thüringer aus Gera auf der Halbinsel Höri einen ruhigen und kreativen Arbeitsplatz. Von den Nationalsozialisten als entarteter Künstler diffamiert, floh er hierher an die Grenze zur nahen Schweiz. Das idyllisch gelegene Museum Haus Dix täuscht aber über den grossen Einschnitt in sein künstlerisches Schaffen hinweg. Ein Audioguide erzählt Hintergründe zu Kunst und Alltag der Familie von Martha und Otto Dix: erholsame Begegnung mit Kunstschaffen abseits der grossen Zentren.

Das letzte Stück des Wanderweges von Stein nach Hemmenhofen in der Gemeinde Gaienhofen verläuft über einen Panoramaweg hoch über dem See. Ich schaue immer wieder an das Thurgauer Ufer hinüber nach Mammern, Steckborn und Berlingen am südlichen Fuss des Seerückens. Vor wenigen Tagen erst sind wir dort gewandert und haben ans deutsche Ufer hinübergeblickt. Jetzt sind wir „ausser Landes“ und doch im seit Jahrhunderten gleichen Kulturraum des Bodensees, im Alemannischen. Wir kommen zu Fuss zwar langsam vorwärts, aber wir hüten uns, stehen zu bleiben. Morgen geht es weiter Richtung Insel Reichenau. Beim Nachtessen im „Fährmann“ fühlen wir uns sogar schon in Konstanz. Zwei kleine Originalfiguren von Peter Lenk, Papst und Kaiser – bei der Einfahrt in den Konstanzer Hafen von der grossen Imperia in satirischem Sinn auf Händen getragen – schauen uns von oben herab beim Essen zu.

 

 

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