Exkurs: VON WEGEN gehen

Menschen sind dazu gemacht,
20 Kilometer am Tag zu gehen.

26. April, 11.00 Uhr. Zwei Aktivitäten übe ich gerne aus: gehen und schreiben. Beim Wandern um den Bodensee gehen wir täglich rund 20 Kilometer. Anschliessend schreibe ich das Blog, notiere Infos zu Ortschaften am Weg, stelle Fotos zusammen aus dem Fundus von Rosmarie. Das Kombinieren dieser Tätigkeiten lässt die Zeit rasch vergehen. Heute regnet es den zweiten Tag am Stück. Was tun? Aufs Gehen verzichten? Jein. Übers Gehen schreiben!

Ich lese und sammle Bücher, die vom Gehen erzählen. Wenige Beispiele:

Erling Kagge, Gehen. Weiter gehen. Eine Anleitung

  • „Solange man geht, wird man zu einem Teilnehmer.“
  • „Der Gang eines Menschen kann mehr über ihn erzählen als sein Gesicht.“
  • „Das Gehen, die Füsse beeinflussen das Gehirn.“ Wer geht, wird Strassenphilosoph:in.

Milan Kundera, Die Langsamkeit

  • „Es besteht eine geheime Verbindung zwischen der Langsamkeit und dem Gedächtnis, zwischen der Geschwindigkeit und dem Vergessen.

Robert Walser, Der Spaziergang

  • „Zu Hause eingeschlossen würde ich elendiglich verkommen und verdorren“, erklärt die Hauptperson dem Herrn Taxator. Sie erklärt, dass die Spaziergänge wesentlich sind, um über etwas zu schreiben.
  • „Höchst liebevoll und aufmerksam muss der, der spaziert, jedes kleinste lebendige Ding, sei es ein Kind, ein Hund, eine Mücke, ein Schmetterling, ein Spatz, ein Wurm, eine Blume, ein Mann, ein Haus, ein Baum, eine Hecke, eine Schnecke, eine Maus, eine Wolke, ein Berg, ein Blatt oder auch nur ein armes weggeworfenes Fetzchen Schreibpapier, auf das vielleicht ein liebes gutes Schulkind seine ersten ungefügten Buchstaben geschrieben hat, studieren und betrachten.“

Rebecca Solnitt, Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens

  • „Ein neuer Gedanke scheint oft wie ein Merkmal der Landschaft, das sich immer schon dort befunden hat, als ob das Denken eher Reisen als Erschaffen wäre.“
  • „Die Eisenbahn löste den Fussgang ab, eine Entkörperlichung des Alltagslebens geschah. Gehen entspricht nicht mehr der Denkweise vieler Leute. Man nimmt das Auto auch für kürzeste Strecken. Dafür wird das Fitnesscenter oder der Crosstrainer zu Hause zu einer Art Reservat, welches das Überleben des Körpers sichert.“
  • „Gehkultur wird eine Reaktion auf das Immer-schneller, ein Protest, eine Gegenkultur.“

Die Autorin beobachtet, dass ab 1960 Gehen eine Kunstform wird (siehe Jackson Pollock u.a.). Sie schreibt zudem über Fernwandern, Bergsteigen, Flanieren in der Stadt, über das Gehen bei Demonstrationen, Wallfahrten – und vieles andere.

In der Corona-Epidemie, während der ersten Phase im Frühjahr 2020, wurde der Alltag sichtbar langsamer. Rund um Bern sahen wir plötzlich viele Velofahrer:innen und Fussgänger:innen unterwegs. Jetzt – in den ersten Tagen der Wanderung um den Bodensee – begegneten wir auf Feld-, Wald-, Wiesen- und Wanderwegen ganz selten einer Person. Gut ausgeschilderte Fusswege lägen „vor der Tür“.

Das Fotoblog mit Datum 26. April heisst VON WEGEN durch den Thurgau. Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, möge es auf Ihren Wegen gut gehen!

 

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