Wir wandern / von einer
Heiligenfigur zur andern.
24. April, 9.00 Uhr: Überraschenderweise regnet es nicht, wie gestern Abend vorhergesagt. Susanne’s gute Laune färbt auf unser Wandern ab. Kurz nach Steckborn wird bei Schloss Glarisegg jenseits von Bahngeleise und Strasse einmal mehr deutlich, warum am Untersee die zahlreichen Schlösser nicht direkt am See erbaut wurden, sondern höher gelegen sind. Am Ufer bestand und besteht die Gefahr von Hochwasser und Sumpfgebieten. Bis heute wird der Bodensee nicht reguliert. Der Wasserpegel kann stark schwanken, momentan liegt er tief. In Mammern beherbergt das Schloss eine Klinik für körperliche, seelische und geistige Erholung. Lieber trinke ich im Gasthof vis-à-vis eine heisse Ovomaltine. „Mit Ovo kannst du’s nicht besser. Aber länger“, verspricht die Werbung. Ich bin auf einer längeren Wanderung …
Prompt wird der Weg steiler hinauf nach Hochwacht. Die Aussicht oben entschädigt für jeden Schweisstropfen. Ein paar Meter weiter unten wartet das Highlight des Tages: die Wallfahrtskirche Klingenzell, gestiftet von den Herren von Hohenklingen und erstmals 1333 erwähnt. Wer dorthin pilgere, erwähnt ein päpstliches Ablassprivileg aus Avignon des gleichen Jahres, erhalte 40 Tage Gnadenerlass vom Fegefeuer. Mittelalter pur. Wertvoll, und hinter Glas geschützt, steht auf dem rechten Seitenalter ein Gnadenbild der Maria, die ihren toten Sohn auf dem Schoss hält. Eingerahmt werden die beiden von Gebhard, Gründer der Abtei Petershausen in Konstanz, sowie von Papst Gregor dem Grossen. Auf dem linken Seitenaltar sehen wir die Klostergründerin Kunigunde. Sie stiftete mit ihrem Mann Kaiser Heinrich das Kloster St. Georgen im nahen Stein am Rhein. Die Figuren auf dem Hauptaltar sind weltberühmt. Scholastika und ihr Zwillingsbruder Benedikt. Er verfasste die erste bedeutende Mönchsregel. Sie steht für verbreitete Frauenpower im barocken Stil. Auf der Sonnenuhr an der äusseren Südwand des Chores ist das Benediktskreuz aufgemalt. Insider lesen mit den Anfangsbuchstaben zwei lateinische Sätze. Mittelalter pur.
Zwei Frauen und ein Mann steigen hinunter nach Eschenz, dem römischen vicus Tasgetium. Leider ist das örtliche Museum erst ab Mai offen. Pech. Ein Besuch hingegen ist mitten im Rhein möglich, auf der nahen Insel Werd. Sie gehört zu Eschenz und ist via schmaler Brücke mit dem Festland verbunden. Mich interessieren Spuren von Otmar, Gründer des Klosters Sankt Gallen. Er starb hier 759, zu lebenslangerhaft Haft verurteilt. Mönchsbrüder hatten ihm, dem Abt, ein fingiertes Verbrechen unterstellt. Die Todesstrafe durch Hunger wurde in zweiter Instanz in Haft umgewandelt. Später, zu spät, gestanden die Mönche ihre Tat. Othmars Grab ist aber leer, weil andere Mönche den Gründer ihres Klosters zehn Jahre nach dem Tod nach Sankt Gallen zurückholten und dort 769 beisetzten. Über dem ehemaligen Grab steht nun eine kleine Kapelle. Im Haus nebenan wohnen heute Franziskanermönche, die in Zürich als Gassenarbeiter unterwegs sind. Zur die Insel Werd kursieren weitere Erzählungen und Legenden, die weit zurückreichen.
Ich hingegen erreiche hier mit Etappe 8 meiner Wanderung um den Bodensee die Grenze Thurgau / Schaffhausen. Ein paar Meter ostwärts beginnt die deutsche Seite am Untersee.